Die Entdeckerin

Wenn euch nach eurem Aufenthalt in Bari noch ein Tag zur Verfügung steht, fahrt unbedingt nach Giovinazzo und Molfetta. Für mich sind beide Städte wie seltene Perlen, deren harte romanisch-apulische Muschelschale den Geist des alten Byzanz bis in die Neuzeit konserviert hat.

Das erscheint euch zu poetisch? Ihr werdet mir recht geben, sobald ihr in die Gesichter ihrer Einwohner geblickt habt, vor ihren leuchtend weißen Bauten steht und das allgegenwärtige Aroma des südlichen Mittelmeers geschnuppert habt. Ob mit dem Auto oder dem Zug, beide Orte sind leicht zu erreichen und von Bari nur wenige Minuten entfernt.

Fangen wir mit Giovinazzo an, das angeblich von Perseus selbst zu Ehren Jupiters (Giove) gegründet wurde. Vom Geist der Mythen und Legenden durchdrungen, setzen wir uns an den Brunnen Fontana dei Tritoni an der Piazza Vittorio Emanuele II, in den Schatten der Kirche San Domenico.

Wir befinden uns in der Nähe der Altstadt von Natiolum, wie Giovinazzo früher genannt wurde. Bevor wir durch den Arco di Traiano, das einstige Stadttor, spazieren, sollten wir uns die Zeit nehmen und den mächtigen, aragonischen Wachturm Tamburo besuchen. Er wurde zur Verteidigung des Hafens erbaut und erhielt aufgrund seiner runden Form den Beinamen U tammurre, was so viel bedeutet wie Trommel.

Doch lassen wir nun das Meer hinter uns und tauchen in den alten Teil der Küstenstadt ein. Es ist herrlich, einfach ziellos zwischen den verschlungenen Gässchen, Höfen, Bögen und Innenhöfen umherzuschweifen. Schnell fallen einem die sogenannten Sottani in der Altstadt Giovinazzos auf. Es handelt sich dabei um antike Behausungen, in denen früher die ärmeren Schichten – oftmals zusammen mit Nutztieren – wohnten.

Diese unterirdischen Bauten bestehen meist aus nur ein bis zwei Zimmern und reichen lediglich bis auf Straßenniveau. Ihr oft einziger Eingang bringt Licht ins Innere der Behausung und dient der Frischluftzufuhr. Auch heute noch leben viele Senioren in den Sottani, und es ist nicht selten, dass man ein altes Mütterchen dabei beobachten kann, wie es frische Orecchiette mitten im Hauseingang zubereitet.

Unser Streifzug findet an der Cattedrale di Santa Maria Assunta ein jähes Ende. Vor der Kathedrale muss man zwangsläufig stehen bleiben, so klein kommt man sich in ihrer Gegenwart vor. Santa Maria Assunta ist ein Musterbeispiel der romanischen Bauweise Apuliens und ragt weit über die anderen Gebäude hinaus. Sie ist auch vom Meer aus weithin sichtbar. Nur wenige Meter entfernt erhebt sich der Palazzo Ducale in seiner ganzen Pracht.

Hier sollte man sich Zeit lassen, den Blick genüsslich schweifen lassen und seine Bauweise ganz in sich aufzusaugen. Ein Tipp an dieser Stelle: Von der Spitze des Kais aus könnt ihr ein einzigartiges Panoramabild schießen und dabei auf einen Streich die antike Stadt, den Wachturm und die Kathedrale einfangen.

Nach unserem Ausflug nach Giovinazzo sollten wir unsere Entdeckertour unbedingt in Molfetta fortsetzen. Ich bin mir sicher, eine Altstadt wie diese habt ihr noch nie gesehen. Ihre Form ähnelt einer Fischgräte und ist der lebendige Beweis für die innige Beziehung zwischen Molfetta und dem Meer. Dementsprechend ist auch der Mercato Pubblico “Minuto Pesce” der beste Ausgangspunkt für unsere Erkundungstour.

Dieser Fischmarkt ist im ehemaligen Kloster Convento di San Francesco untergebracht und hat von Montag bis Samstag täglich von 7 bis 13 Uhr und von 17 bis 20 Uhr geöffnet. Im Zentrum des Klostergebäudes stoßt ihr auf eine schiffsartige Struktur. Hier liegt in den Verkaufstheken der sicherlich beste Fisch der südlichen Adria aus. Und wenn ihr nicht genau wisst, welchen Fisch ihr kaufen sollt oder wie er am besten zubereitet wird, haben die Fischer selbst bestimmt die passenden Tipps parat.

Wenn ihr hingegen einfach etwas leckeres Ortstypisches probieren wollt, rate ich euch, eines der Restaurants am Hafen aufzusuchen. Fragt einfach nach einem U’Ce’Mbott. Es handelt sich dabei um die berühmte Fischsuppe aus Molfetta, die typischerweise mit etwas kalt gepresstem Olivenöl extra vergine aus den regionalen Ölmühlen abgeschmeckt wird.

Nach dem Mittagessen ist ein verdauungsfördernder Spaziergang zur Piazza Municipio genau das Richtige. Dort treffen wir auf den Palazzo Giovene mit seinem reliefgesäumten Portal, den Stützbalken im Stil des Trompe l’oeil und seiner einzigartigen Renaissancefassade.

Im Erdgeschoss befindet sich die Sammlung Civica Siloteca, das einzige Museum, das exklusiv dem süditalienischen Baumbestand gewidmet ist. Hier lohnt es sich, eure Aufmerksamkeit auf die zahlreich ausgestellten Baumscheiben zu richten. Vielleicht könnt ihr ja anhand der Jahresringe das wahre Alter der Bäume schätzen? Folgt der Ausstellung bis zum letzten Raum, in dem zahlreiche Holzarbeiten – darunter ein Taktstock von Riccardo Muti – präsentiert werden.

Wie jede Stadt, die etwas auf sich hält, hat Molfetta natürlich auch seine eigenen Geschichten und Legenden. Beispielsweise die vom Mammon, einer monströsen Spukgestalt, die nur zu gerne zur Abschreckung für zu lebhafte Kinder herhalten musste – sozusagen der schwarze Mann made in Molfetta.

Mammon war ursprünglich ein aramäischer Dämon und steht im Volksglauben für das Laster des Geizes. Seine Abbildung findet ihr an der Ecke zwischen der Via Piazza und der Via San Pietro in eine Palazzowand eingelassen. Hier befinden wir uns schon in unmittelbarer Nähe des Palazzo Galante Gadaleta, von dem aus man den majestätischen Torrione Passari erreicht.

Ihr seid schwindelfrei und wollt in den Genuss eines atemberaubenden Panoramas kommen? Steigt dafür einfach die steilen Stufen des Turms zur Aussichtsplattform hinauf. Von hier oben könnt ihr bei klarem Himmel sogar die Küste von Montenegro sehen. Zudem bietet sich ein herrlicher Blick auf die Glockentürme des romanisch-apulischen Doms von San Corrado.

Wenn euch ungewöhnliche Geschichten gefallen, aber vor allem wenn ihr einen seltenen Vertreter des Lederhandwerks kennenlernen wollt, sucht unbedingt die Werkstatt “Il Matto” auf. Ihr findet Matteo oder „il Matto” in seiner kleinen Werkstatt in der Via Roma 17. Matteo hat sein Handwerk in Florenz gelernt und ist danach nach Molfetta zurückgekehrt, um dort seine Schätze aus Leder und Fell herzustellen und zu verkaufen.

In seiner Werkstatt gibt es weder Nähmaschinen noch Pressen. Alles wird hier mit dicken Ledernadeln von Hand bearbeitet und genäht. Nehmt einen seiner Gürtel mit nach Hause oder ersteht eines seiner wunderbaren Portemonnaies, eine Aktentasche oder ein Holster. Matteo zaubert auch Ledertaschen für Musikinstrumente oder herrliche Handtaschen. Und warum fragt ihr euch, nennt man ihn “il Matto”, den Verrückten? Seine Verwandten und Freunde haben ihm diesen Spitznamen gegeben, als er ihnen eröffnete, dass er seine Festanstellung in der IT aufgegeben hat und in Florenz das Lederkunstwerk erlernen möchte. Diesen Spitznamen hat er nie abgelegt.

Der Tag ist lang, aber noch lange nicht vorbei. Ihr dürft Molfetta nicht verlassen, ohne im Mercato Ittico am Banchina San Domenico die Nacht zum Tag gemacht zu haben.

Jeden Dienstag, Mittwoch, und Freitag bringen die Fischer hier ihren Fang an Land, und was an diesen Tagen nach zwei Uhr nachts folgt, ist ein unvergleichliches Spektakel.

Die “borsa del pesce” – Fischauktion – ist ein echtes Muss für Apulienurlauber.

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Die “borsa del pesce” – Fischauktion – ist ein echtes Muss für Apulienurlauber. Hier wird der Fisch noch unter lautstarkem Gebrüll und altem molfettischem Singsang an den Mann gebracht. Der Ablauf ist dabei jedes Mal gleich: Sobald die Fischerboote anlegen, beginnt eine Karawane an dreirädrigen Ape-Kleintransportern den Fang in die Markthalle zu karren.

Pünktlich um zwei Uhr beginnt die Tombola und die Auktionsnummern werden gezogen. Die Auktionäre – astatori genannt – rufen aus voller Kehle und unterstützt durch eine geradezu frenetische Mimik und Gestik die Preise auf. Sie lenken dabei alle Aufmerksamkeit auf sich, bis der entsprechende Käufer gefunden ist. Ein kleines Detail am Rande: Hier gibt es keine Waagen.

Ähnlich wie die astatori, die den Fisch intuitiv mit einer über Generationen vererbten Erfahrung wiegen, folgt auch ihr eurem Instinkt und erkundet die Region Apulien in all ihren Facetten. Ich kann euch versichern, da gibt es noch viel mehr zu entdecken.

di Giorgio Ventricelli

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