Der Insider

Willkommen in München, der nördlichsten Stadt Italiens, wie sie die Münchner voller Stolz nennen. Und ich muss zugeben, dass sie nicht ganz unrecht haben. Hier ist die Luft leicht, allerdings nicht, weil wir uns auf 519 Metern über dem Meeresspiegel befinden und in der Nähe der Berge. Ich rede vom Lebensgefühl, von der Gemütlichkeit, die dem nahekommt, was alle Welt Italien zuspricht: dem dolce far niente. Sicher haben Sie bemerkt, von wie viel Grün München umgeben ist – ein Grün, das sich bis ins Zentrum der Metropole zieht. Denn auch wenn es in mancher Hinsicht einem Dorf gleicht, ist „Minga“ (wie München von den Einheimischen genannt wird) mit seiner ständig steigenden Zahl von Einwohnern – derzeit anderthalb Millionen – eine echte Metropole. Anscheinend wollen alle hierher ziehen, möchten alle diese Gemütlichkeit genießen.

Hotel Bayerischer Hof Promenadeplatz
Rosen Garden
Maximilinaeum

Beginnen wir unsere Reise in einem besonderen München, das vielen unbekannt ist und starten wir am Wiener Platz (U4/U5 Max-Weber-Platz). Wir befinden uns im Stadtteil Haidhausen, der auch Franzosenviertel genannt wird, und es wird Ihnen tatsächlich so vorkommen, als spazierten Sie durch Montmartre. Machen Sie langsam, schlendern Sie ruhig auch durch die Boutiquen, an Cafés und Marktständen vorbei und wagen Sie sich vor bis zur roten St.-Johannes-Kirche. Davor werden Sie ein Stück München entdecken, wie man es heutzutage kaum mehr findet. Es ist das Johannis Café, ein in seiner Art einzigartiges Lokal. Seit 1925 ist diese kleine Kneipe mit ihrem seit 1955 unverändert gebliebenen Mobiliar eine Institution für die Einwohner des Viertels. An den Tischen können Künstler und Studenten, Banker, Prostituierte und Drogendealer, Rentner und Wohlhabende Rücken an Rücken sitzen. Sie alle werden, egal was sie sonst umtreibt, für ein, zwei Stunden einfach zu normalen Gästen von Olaf Schmidt, der mit Leib und Seele Wirt ist und für jeden immer ein kühles Bier und ein gutes Wort bereithält.

Sollten Sie dann noch immer eine trockene Kehle haben, keine Sorge: Sie werden in München bestimmt nicht verdursten. Gehen wir also zum Wiener Platz auf eine frische Russnmaß (Weißbier mit Limo) im Hofbräukeller. Er war ursprünglich als Lagerstätte für das Bier gedacht, und damit man dieses auch im Sommer kühl halten konnte, wurden Rosskastanien gepflanzt, die den nötigen Schatten spendeten. Obwohl es eigentlich kein Ausschanklokal war, begannen die Braumeister, den vorübergehenden Kunden das kostbare Nass zu kredenzen, und die setzten sich damit unter die Bäume. Auf diese Art entstand die kulturelle Tradition der Biergärten, die man sich heute nicht mehr ohne Kastanienbäume vorstellen kann.

Vielleicht erinnern sich einige an den Film „Cocoon“, die Geschichte dreier alternder Herren, die mit einem Bein schon im Jenseits stehen und eine zweite Jugend erleben, nachdem sie im Swimmingpool einer Jugendstilvilla gebadet haben, dessen Wasser von außerirdischen Kräften verändert wurde. Das Müllersche Volksbad ähnelt diesem Pool – mit dem Unterschied, dass es schöner, größer und tatsächlich im Art-Nouveau-Stil gestaltet ist. Es liegt im gleichen Stadtviertel direkt an der Isar und es lohnt sich, einen Blick hineinzuwerfen – umso mehr natürlich, wenn man seine Badesachen dabeihat. Denn beim Eintauchen in eines der beiden Becken und in der Sauna macht man zugleich einen Sprung in die Zeit kurz nach 1900. Das ist so eindrucksvoll, dass Dario Argento hier einige Szenen seines Horrorfilms „Suspiria“ drehte.

München bringt Sie zum Staunen, wenn Sie den Spuren des Renaissancekomponisten Orlando di Lasso folgen. Er scheint hier wieder in Mode zu sein: Seit 2009 pilgern Scharen von Menschen unablässig zu seiner Statue auf dem Promenadeplatz. Leider ist all die Aufmerksamkeit nicht ihm gewidmet, sondern seinem zeitgenössischen Kollegen Michael Jackson. Seit dessen Tod schmücken Fotos, Kerzen, Briefe, Gedichte und Blumen den Sockel des Orlando gewidmeten Denkmals und verwandeln es in eine Erinnerungsstätte an den King of Pop. Warum gerade dort? Das Denkmal befindet sich gegenüber dem Hotel Bayerischer Hof, wo Michael Jackson gewöhnlich nach seinen Konzerten in München nächtigte. Trotz der angeborenen deutschen Strenge bei der Einhaltung von Regeln hat die Stadt entschieden, diese widerrechtliche Aneignung von öffentlichem Boden zu tolerieren und den Fans von „Jacko“ die Freiheit zu lassen, die Erinnerung an ihr Idol auf diese Weise wachzuhalten. Worüber sich Orlando und Michael wohl unterhalten, wenn die Stadt schläft? Wahrscheinlich streiten sie über ihren Musikgeschmack.

Wiener Platz, Haidhausen
Haidhausen area

Nur knapp fünfhundert Meter entfernt von diesem Denkmal, zwischen Nationaltheater und Odeonsplatz, treffen Sie auf eine enge Gasse, die unauffällig wirkt, aber eine Besonderheit hat. Über ihren Straßenbelag führt ein bronzener geschwungener Pfad. Nein, es ist nicht der golden gepflasterte Weg, dem Dorothy folgen muss, um zum Zauberer von Oz zu gelangen, sondern es handelt sich um eine Bronzespur, die vom Künstler Bruno Wank in das Kopfsteinpflaster eingelassen wurde. Sie erinnert an den stillen Protest derjenigen, die im Dritten Reich den Weg durch die Viscardigasse nahmen, um nicht vor der Ehrenwache der SS auf dem Odeonsplatz vorbeigehen und den Hitlergruß machen zu müssen. Wenn Sie noch nicht müde sind, setzen wir unsere Reise fort und erkunden eine Ecke Münchens, die Sie Tausende Kilometer weit weg führen wird: den Westpark, genauer gesagt sein westliches Ende (U6 Westpark).

Bei der Internationalen Gartenbauausstellung 1983 wehte durch München ein Wind aus Fernost und verwandelte einen neu geschaffenen Park in ein Stück Asien. Die Pavillons dort sollten eine vorübergehende Installation sein, aber das Publikum war so fasziniert von ihnen, dass man sie schließlich dauerhaft stehen ließ. Spazieren Sie durch den chinesischen Garten auf einem Pfad, der mit seinen Elementen den Lebensweg symbolisiert, durchstreifen Sie den japanischen Garten mit seinem Teehaus und bewundern Sie die thailändische Sala mit dem Buddha in der Mitte eines kleinen Sees. Steigen Sie schließlich die Stufen der nepalesischen Pagode mit ihren wunderschönen handgeschnitzten Reliefs hinauf, an denen gut dreihundert Handwerker gearbeitet haben.

Straßenbahn 19
Denkmal fuer Michael Jackson, Promenadeplatz

Wenn Sie noch nicht bereit sind, sich wieder ins Stadtgewühl zu stürzen, dann ist jetzt ein guter Moment, um die Augen weit aufzusperren und tief durchzuatmen: Im Rosengarten werden Sie förmlich mitgerissen von einem Wirbel aus Farben und Düften. In diesem kleinen Park am Flusslauf, den auch viele Münchner nicht kennen (Eingang an der Sachsenstraße, U1/U2 Kolumbusplatz), blühen im Juni und Juli mehr als tausend Rosen. Der Garten lädt zur Entschleunigung ein, also nehmen auch Sie sich ein wenig Zeit und kommen Sie hierher, um ein gutes Buch zu lesen. Der Rosengarten ist mein Quell der Inspiration.

Sie wollen München aus einer anderen Perspektive erleben? Steigen Sie in die Tram 19 ein, die vom Hauptbahnhof in Richtung Stadtzentrum fährt. Sie werden am Justizpalast vorbeikommen, dem wunderschönen Palast im Neobarock und Sitz des Landgerichts, ein Stück Fußgängerzone überqueren und auf das Nationaltheater treffen. Dann finden Sie sich an der Maximilianstraße wieder, der Straße mit den elegantesten Geschäften der Stadt. Schließlich fahren Sie bis zum Bayerischen Landtag weiter, dem Maximilianeum, das aus purem Gold zu sein scheint, wenn es im Licht des Sonnenuntergangs badet. Die Fahrt endet am Max-Weber-Platz, genau dort, wo wir unser Abenteuer begonnen haben. An diesem Punkt bleibt mir nichts weiter, als Ihnen viel Vergnügen zu wünschen!

di Stefano Merenda

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