Die Entdeckerin

Wie oft höre ich, ich könne mich glücklich schätzen, in Verona zu leben, weil vieles einfach so nah sei: der Gardasee, die Weinberge, wo die Trauben für den köstlichen Amarone und den Süßwein Recioto wachsen, Venedig und natürlich die Berglandschaften des Trentino. Stimmt alles, und trotzdem muss man für einen Ausflug in die Berge nicht unbedingt die Region verlassen. In der Nähe von Verona befindet sich die Lessinia, eine Gebirgslandschaft mit eher sanften Zügen, die zwar keine Höhenrekorde bietet, dafür aber vielfältige Ausflugsmöglichkeiten für Trekkingbegeisterte, Feinschmecker und alle, die mehr über die Kultur und Geschichte dieses einzigartigen Landstrichs erfahren wollen.

Mit dem Mietauto fahre ich von Verona aus Richtung Osten, den Schildern nach Bosco Chiesanuova folgend bis Erbezzo. Von dort aus steige ich zur alten Sennhütte Malga Derocon hinauf, dem pulsierenden Herz des Parco Regionale della Lessinia. Hier muss man sich nicht zwischen Rast und Entdeckergeist entscheiden. Die Hütte bietet eine Fülle an Möglichkeiten, sich mit Themen wie dem bewussten Umgang mit der Natur oder der lokalen Flora und Fauna zu beschäftigen. Alles mit Praxisbezug, versteht sich (Reservierung unter +39 (0)45-8009686). Hier könnt ihr Hirsche und Gämsen beobachten, oder ihr begebt euch mitten ins stille Grün auf den Botaniklehrpfad.

Solltet ihr nun Hunger bekommen, empfehle ich euch, wieder nach Erbezzo abzusteigen. Diese kleine Gemeinde ist die Heimat des Monte-Veronese-Käses, dem sogar ein eigenes Festival gewidmet ist. Zwischen Kostproben dieses wunderbaren Käses und des Durelloweins aus der Bergregion möchte ich euch vom Volksstamm der Zimbern erzählen, der einst in dieser Region angesiedelt war.

LESSINIA - Verona Alternative guide
Tromini di San Bartolo - LESSINIA
Il Covolo (la grotta di Dante) Camposilvano

Den glaubwürdigsten unter den historischen Quellen zufolge lebten sie um das 13. Jahrhundert herum im Gebiet zwischen Bayern und Tirol und siedelten sich circa 1287 in den Lessinischen Alpen an. Auf dieses Jahr zumindest datieren die Quellen die Entscheidung des Veroneser Bischofs Bartolomeo della Scala, einer Gruppe der Zimbern die Ansiedlung in den Bergen um Verona zu gestatten. Andere Gruppen ließen sich stattdessen in der Gegend um Vicenza, Treviso und Belluno nieder, wo man noch auf ihre Spuren stoßen kann.

Ich überquere das Vajo dell’Anguilla inmitten des Waldgebiets Foresta dei Folignani – bei Mountainbikern sehr beliebt – und gelange nach Bosco Chiesanuova (Neuenkirchen). Hier findet unter anderem das Film Festival della Lessinia statt, das sich dem Leben, den Traditionen und der Geschichte der Berge widmet. Entspannung finde ich bei einem langen Spaziergang auf den Spuren der Cimbri, begleitet von den Symbolen dieser alten und faszinierenden Kultur. Häuser mit Steindächern säumen Sträßchen und Gassen, oft eingebettet in kleine Rotbuchen- und Rottannenwäldchen, die im Herbst ein besonderes Farbenspiel bieten. Im Viertel Coletta machte ich eine kleine Pause und besuche das Museo Etnografico.

Dort finde ich mich zwischen Utensilien für die Butter- und Käseproduktion und alten Fotografien wieder, die von den Traditionen und vom Wandel im Land erzählen.

Nachdem ich mir auf der Piazza della Chiesa ein paar Mürbteigkekse aus der Pasticceria Valbusa – natürlich mit Butter aus der Region und in der typischen S-Form – gegönnt habe, steige ich wieder in mein Auto und mache mich auf den Weg nach Camposilvano, einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Velo Veronese. Ein Fossilienmuseum erinnert heute noch daran, dass hier in grauer Vorzeit alles von Meer bedeckt war. Aber damit nicht genug! In Camposilvano kann man auch die 35 Meter tiefe Covologrotte entdecken. Hier ist es kühl und feucht und es scheint, als sei sie früher von der Gemeinde als eine Art Kühlschrank verwendet worden. Und ganz offensichtlich hegte auch Dante Alighieri eine obskure Faszination für die Grotte und nutzte sie als Inspiration für seine Darstellung des Infernos in der „Göttliche Komödie“. Aber Lessinia ist nicht nur eine Augenweide, die kulinarischen Genüsse kommen hier genauso wenig zu kurz. Macht deshalb unbedingt in einem der vielen Agriturismi der Region halt und probiert die berühmten Gnocchi sbatui. Sie bestehen lediglich aus Mehl, Wasser und Ricotta – auf den ersten Blick simpel, aber mit zerlassener Butter wird das Ganze zum Gedicht!

In der Nähe von Camposilvano breitet sich vor mir das Tal der Sphinxe (Valle delle Sfingi) aus. Die durch Erosion des roten Ammonitgesteins entstandenen Kalkstein-Monolithen erscheinen fast wie eigene Persönlichkeiten und ziehen mich sofort in ihren Bann. Wenn ihr genau hinhört, könnt ihr dem Wind lauschen, wie er euch die Legenden dieses Ortes ins Ohr flüstert. Geschichten, wie nur der Winter sie hervorbringen kann. Geschichten, entstanden in den kalten Nächten des Filò, in dem sich die Einwohner in den Ställen zusammenfanden, die Wärme der Kühe ausnutzend, und sich die Zeit mit „filando“ (Spinnen) vertrieben. So erklärt sich auch der Ursprung des Wortes Filò. In jenen Nächten erzählten sie sich Geschichten von Ungeheuern, Wölfen und heiligen Tänzen, während sie die traditionellen Stoffe webten.

Unbestrittene Protagonisten ihrer Geschichten waren die Feen, die angeblich in den nahe gelegenen Höhlen wohnen. Unter den Steinriesen des Tals der Sphinxe entdecke ich Formationen wie den sengio de l’orco, auch „Pilz von Camposilvano“ genannt. Er wurde angeblich von einem der Ungeheuer hertransportiert, damit die Feen eine Leine spannen und die Wäsche trocknen konnten. Oder die mystische fò de la pace – die Friedensbuche –, unter deren Äste man Verträge schloss oder Streitigkeiten schlichtete.

Il Covolo (la grotta di Dante) Camposilvano LESSINIA
Bosco Chiesanuova

Jetzt ist es Zeit, den Ungeheuern und Feen auf Wiedersehen zu sagen und weiter Richtung Giazza (Ljetzan) zu ziehen. Giazza ist eine Sprachinsel, wie es weltweit wohl keine zweite gibt. Das hier gesprochene Zimbrisch wird zwar nur noch von wenigen Älteren beherrscht, dennoch wird es an der Universität von Verona gelehrt und ist dort Gegenstand wissenschaftlicher Studien. Nach so viel Kultur ist es jetzt aber wirklich an der Zeit, etwas für unseren Gaumen zu tun. In der Osteria Ljetzan bereitet der junge Chefkoch Giorgio das Essen noch auf Kohle zu – eine alte zimbrische Methode, die er von seinem Vater und Großvater gelernt hat. Es schmeckt hier also noch immer wie anno dazumal. In den letzten Jahren erfuhr die eher unscheinbare Region Lessinia vor allem dank des Engagements der jüngeren Generation eine Aufwertung.

Chiara zum Beispiel, eine studierte Forstwirtin, entschloss sich dazu, das verwaiste Weideland ihrer Familie wiederzubeleben, Safran anzubauen und ihn in die ganze Welt zu exportieren. „Wir kultivieren und verarbeiten den Safran von Hand, ohne Zusätze und Chemie. So erhalten wir seine spezifischen Eigenschaften“, erzählt Chiara. „Das macht unseren Safran so einzigartig.“ Ihr müsst sie unbedingt besuchen und den Glanz in ihren Augen sehen, wenn sie von ihrer Leidenschaft erzählt. Ihre Familie unterstützt sie und hat ihr erlaubt, einen Teil des alten Hauses ihrer Großeltern, ehemals eine Osteria, in ein Lebensmittellabor umzuwandeln. Dort verarbeitet sie Safran und stellt auch andere Köstlichkeiten wie etwa Senffrüchte und -gemüse (Mostarde) her.

Osteria Ljetzan,
Foresta dei Folignani

Die Safranfelder sind umgeben von herrlichen Kastanienbäumen, von denen die berühmten Maronen von dem Lessinia Gebiet stammen. Natürlich widmen die Einheimischen ihren Marroni im Herbst zahlreiche Events und Feste – mit Kostproben, versteht sich. Das unter Ortsansässigen mit Abstand beliebteste ist das Festa dei Marroni von San Mauro di Saline. Die Einwohner dieses kleinen Dorfs sind auf ihre Esskastanie besonders stolz, die sich von anderen Kastanienarten besonders durch ihre ovale, lang gezogene Form, ihre etwas hellere Farbe, das süßliche Fruchtfleisch und die besonders leicht zu entfernende, dünne Schale unterscheidet.

Mit etwas Glück habt ihr Gelegenheit, die berühmten trombini – auch sciopi oder pistoni genannt – von San Bortolo zu hören, denen Mitte Juni ebenfalls ein eigenes Fest gewidmet ist. Diese Musikinstrumente stammen vom Gefechtswaffen aus dem 16. Jahrhundert ab, die Schrecken verbreiten und die Menge passierbar machen sollten. Die trombini werden mit Schießpulver geladen, abgefeuert, und der darauffolgende kollektive Tanz der Musiker (durch den starken Rückstoß drehen sich die Trombini-Spieler um die eigene Achse) macht das Ganze zu einem unvergleichlichen Spektakel.

Be da dar må hat an groasan kroas, ’s bettar git um: Wenn der Mond einen Hof hat, schlägt das Wetter um. Hört auf das Sprichwort – wenn der Mond euch sagt, es ist Zeit zu gehen, dann gehorcht ihm und tragt die Aromen und Wohlklänge wiederentdeckter Traditionen in eurem Herzen mit nach Hause.

di Tiziana Cavallo

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