Die Stilsichere

Verona ist entspannt, gepflegt, aufgeräumt und zugleich – auf eine überaus ansteckende Art – liebenswürdig. Mit Ausnahme eines kleinen Hofes in der Via Cappello, in dem sich der wohl berühmteste Balkon der Welt befindet. Ich entscheide mich an meinem ersten Morgen in der Stadt gegen ein festes Programm, und ohne ein festes Ziel vor Augen finde ich mich hinter einer Gruppe distinguierter Herren wieder, die in deutlich vernehmbarem Veroneser Akzent miteinander sprechen. „Diesen Balkon gab es noch nicht, als ich klein war”, sagt einer von ihnen.

Die Rede ist natürlich vom berühmten „Balkon von Romeo und Julia“, der von Touristen aus der ganzen Welt besucht, man kann fast sagen: heimgesucht wird und der offen gestanden weit weg von dem eher zurückhaltenden und eleganten Verona ist, das ich kennenlernen durfte. Im Übrigen hat es Romeo und Julia natürlich nie wirklich gegeben, lokale Künstlergrößen wie Paolo Veronese, Tizian und Tiepolo hingegen schon.

Ich überhole die Gruppe, setzte meinen Spaziergang fort und stehe bald staunend vor der hinreißenden Schönheit dieser Stadt.

Piazza Bra Verona
Please Verona
Maurizio Righetti Verona

Die Schatten der Palazzi zeichnen Spitzen auf das Pflaster. Mit jedem Schritt entdecke ich ein Tor, hinter dem sich ein Kreuzgang, ein Brunnen oder ein Mosaik befindet. Auf der Via Carlo Cattaneo bemerke ich eine Rauchglastür, aus der ein Duft nach Potpourri dringt und ein Pärchen mit mehreren Koffern hervorspringt. Im Nu erspähe ich, was später mein Lieblingsort in ganz Verona werden soll: The Gentleman of Verona.

Dieses Boutique-Hotel befindet sich nur wenige Schritte von der Arena di Verona entfernt und ist eine kleine Oase ausgewählter und zeitloser Eleganz. In den Salons des Hotels sehe ich die Herren, Pfeife rauchend, mit Zylinderhüten und einem Glas Brandy in der Hand, quasi vor mir.

Sie stehen direkt zwischen den samtenen Retro-Divanen, vor den herrlichen Tapeten im angelsächsischen Design. Ich beschließe, die kleine Pause, die ich für mein Mittagessen eingeplant hatte, gleich hier im hoteleigenen Restaurant Il Salotto Bistrò zu verbringen, das übrigens auch direkt über die Gasse Vicolo Miracoli zugänglich ist. Von meinem äußerst bequemen Sessel aus beobachte ich beinahe gierig das Mobiliar und sauge das äußerst geschmackvolle Ambiente förmlich auf. Ich halte mich auch nicht zurück, als der norwegische Lachs mit Peperoncini und Kapernblüten, eine echte Delikatesse aus den Händen von Chefkoch Lorenzo Cangelosi, serviert wird.

Leider kann ich nicht noch mehr von den angebotenen Köstlichkeiten probieren, denn mein nächstes Ziel steht schon fest: Es wäre unverzeihlich, die berühmten lokalen Süßspeisen nicht zu probieren. In Verona wurde schließlich auch der köstliche Weihnachtskuchen Pandoro erfunden.

Riot Clothing

Die Pasticceria Wallner ist für die Naschkatzen unter uns wie ein Höllenkreis aus Dantes Inferno. Aber wenn man schon sündigt, denke ich mir, dann auf alle Fälle hier und am besten mit einem riesigen Stück Torta Fantasia. Nur wenige Schritte vom Piazza Bra entfernt geht Vera Wallner ihrem Kunsthandwerk nach: Sie knetet, füllt, schlägt Eischnee und dekoriert Torten und Gebäck, die so gut schmecken, wie sie aussehen.

Ihre Konditorei ist lässig und modern-stylish eingerichtet, hat zwischen 7.30 und 20 Uhr geöffnet und ist es wirklich wert, dass man einen Teil des Nachmittags dort verbringt. Zum Pfefferminztee, der in einer großen Karaffe auf dem Tresen steht, solltet ihr unbedingt die verschiedenen Moussesorten oder die wahrhaft göttliche Interpretation einer klassischen Sachertorte kosten. Mit einem herrlich hohen Serotoninspiegel – der Schokolade sei Dank – bin ich jetzt in der richtigen Shoppingstimmung.

Die Shoppingmeile Veronas, die Via Mazzini, kann es mit ihrem Pflaster aus weißem Marmor und den eleganten Schaufenstern der Dependancen großer internationaler Modemarken durchaus mit den großen Einkaufsstraßen der Welt aufnehmen. Ich würde sogar ohne zu zögern sagen, dass die Platzierung der Louis Vuitton Boutique hier an der Arena di Verona mehr Klasse zeigt als irgendwo sonst. Aber auch abseits der klassischen Modewelt und des Luxus hat Verona viel zu bieten.

Der Hidden Forest Market in der Largo Pescheria Vecchia zum Beispiel ist ein Kleinod für Minimalisten und springt vor allem durch seine Vintage-Einrichtung ins Auge. Die Upcycling-Produkte des Hidden Forest Market können mit den trendigsten Instagram-Profilen angesagter skandinavischer Blogger mithalten.

Die Auswahl an Klamotten entstammt dem kreativen Geschick der koreanischen Stylistin Joy, die bewusst mit der Kombination aus Textur und Stoff spielt und eine Vorliebe für Querstreifen hegt. Riot Clothing in der Via Filippini 10 ist ein absolutes Muss für Fans von verantwortungsbewusster Mode.

Via Mazzini, Louis Vuitton
Maurizio Righetti Verona

Design-Stores hatten schon immer eine magische Anziehungskraft auf mich. In der Via San Nicolò stoße ich auf etwas, was von außen wie ein Tempel für Interior Design oder zeitgenössische Kunst wirkt. Das Social – Maurizio Righetti ist in Wirklichkeit aber ein Friseur- und Schönheitssalon.

Das fiel mir aber erst auf, als ich die Tür öffnete und den typischen Duft nach Nagellack, den Sound der Haartrockner und die lebhaften Unterhaltungen der schönen Damen bemerkte. Während ich noch warte, bis ich an der Reihe bin, recke ich meinen Hals, um etwas von den Gesprächen der Damen aufzuschnappen: “Was, die kennst du nicht? Im Palazzo Castellani. Holzdecken, Risotto all’Amarone… Erzähl mir nicht, dass du noch nie dort warst, die ist doch mega-in!”.

Mir scheint, dass all diese Löckchen heute Abend in der Locanda Castelvecchio speisen und mache mir Notizen. Derartige Details lasse ich mir natürlich nicht entgehen, besonders nicht mit meinen frisch gestylten Haaren!

Wer keine neue Frisur braucht, aber etwas für seinen Körper tun möchte, dem empfehle ich das Suadis Centro Benessere. Das Suadis befindet sich in der Nähe des Messegeländes, der Eingang in der Viale dell’Industria kommt ganz ohne Schnickschnack aus. Aber lasst euch nicht davon täuschen. Von außen könnte man es für ein gewöhnliches Kosmetikstudio halten, aber in seinem Inneren lässt sich zwischen Dampfbad und Sauna bei gedämpftem Licht wunderbar eine Weile dem Alltag entfliehen.

Hier erwarten euch eine finnische Sauna, eine Biosauna mit etwas höherer Luftfeuchtigkeit, ein türkisches Dampfbad, ein Solebad und natürlich eine große Auswahl an Massagen und Ritualen, die Geist und Körper beleben. Das Suadis bietet auch Paarbehandlungen oder Anwendungen für frischgebackene Mütter an, die wieder in Form kommen und neue Energie tanken wollen – all das selbstverständlich mit reinen Naturprodukten.

HIDDEN FOREST MARKET
The Gentleman of Verona

Herrlich entspannt, mit einer perfekten Frisur und dem passenden Outfit stürze ich mich in das pulsierende Nachtleben Veronas. Den schönsten Ausblick auf die Stadt hat man vom Hotel Due Torri, einem imposanten Gebäude aus dem 13. Jahrhundert. Von der Terrasse des obersten Stockwerks breitet sich ein Panorama aus vom Torre dei Lamberti an der Kathedrale Santa Maria Matricolare (von den Einheimischen liebevoll „il duomo“ genannt) bis zum Castel San Pietro, nach Torricelle und zu den Flussschleifen der Etsch.

Die Augen verlieren sich in diesem faszinierenden Spektakel, und die Location ist ideal für einen Aperitivo oder ein gehobenes Abendessen. Steht euch der Sinn eher nach einem weniger opulenten, aber leckeren Mahl bestehend aus Salami, Käse und dem passenden Wein, empfehle ich euch die Enoteca Segreta: ein kleines Lokal im Stadtzentrum, in dem man außerdem römische Relikte bestaunen kann.

Ich gehöre zu den Menschen, die immer nach Orten suchen, an denen das Leben bis spät in die Nacht tobt und die vor allem von den Einheimischen frequentiert werden. In Verona habe ich genau das in der herrlichen Corte-Cadrega-Gasse gefunden: die Osteria a la Carega mit Holztischen im Freien und guter Musik. Ein eher ruhiger Ort, an dem man sich unterhalten und ein Bierchen trinken kann. Dabei entdecke ich, dass Verona zwei Städte in sich vereint: eine, in der im Sommer Opernmusik aus der Arena erklingt und die Piazzi an jeder Ecke kunstvoll beleuchtet sind, und eine, in der man sich in den kühleren Monaten ein Gläschen des herrlich schweren Amarone della Valpolicella gönnt und seine Zeit in einer der gemütlichen Osterien Veronas verbringt.

Bietet sich in Verona die Gelegenheit, die internationale Weinmesse Vinitaly mit mehr als 4.000 Ausstellern aus allen Teilen der Welt oder das Straßenfestival Tocatì zu besuchen, sollte man sich das auf keinen Fall entgehen lassen. Während des Tocatì-Festivals verwandeln sich die Bürgersteige in Freiluft-Osterien, und die Stadt schwelgt in Polenta und Bollito di manzo.

Mein Verona-Abenteuer neigt sich dem Ende zu, aber ich weiß, dass ich bald wiederkommen werde. Die Stadt hat mich mit ihrer aufgeräumten, ruhigen und liebenswürdigen Art infiziert.

di Veronica Gabbuti

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