Der Insider

Wir Florentiner lieben unsere Stadt für ihre roten Dächer und ihre schöne Balance zwischen Architektur und Natur. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mindestens einmal das Flussufer wechseln. „Diesseits und jenseits des Arno“ sagt man bei uns: „Jenseits“ ist der Teil, der eher den Einheimischen gehört, „diesseits“ dagegen der Teil der berühmten Museen, des Doms und der Piazza Signoria.

Florenz, das sind für mich vor allem die Spaziergänge am Sonntagmorgen – eine Gewohnheit, die sich jede Woche wiederholt. Ich starte am besten Aussichtspunkt der Stadt, der Basilika San Miniato a Monte, und laufe von dort in das Viertel hinunter, das sich seit Jahrhunderten dem Handwerk widmet. Hier findet man Goldschmiede, Papiermacher, Rahmenmacher, Töpfer, Designer und gute Schneider. Vom Kirchhof von San Miniato a Monte aus überblickt man die ganze Stadt. Der Arno und seine Brücken dienen als Orientierung. Im Westen fällt der Blick auf die Turmspitzen des neuen Justizpalasts im Viertel Novoli am Stadtrand, während im Osten die Silhouette von Santa Croce das Auge erfreut, bevor es am leuchtenden Grün der Synagogenkuppel hängen bleibt.

Nachdem ich auf diese Weise Energie getankt habe, laufe ich die Via di Belvedere entlang in Richtung Porta San Giorgio. Auf der rechten Seite des Tores kann man das Fresko mit dem Drachen und den längsten Abschnitt mittelalterlicher Mauern in Florenz bewundern. Links liegt das imposante Forte Belvedere, das für Ausstellungen genutzt wird. Von hier muss man nur auf die schmucke Piazza di Santa Felicità mit der gleichnamigen Kirche hinuntergehen und schon ist man in Oltrarno. Johanna von Österreich gelangte seinerzeit vom Palazzo Pitti aus durch den von Cosimo I. in Auftrag gegebenen Vasari-Korridor in ihre Privatkapelle im Mittelschiff dieser Kirche und vermied es dadurch, die Straße entlangzulaufen. Oltrarno ist ein Genießerviertel: Sie haben die Wahl zwischen einer leckeren Focaccia aus Kichererbsenmehl (lassen Sie sich die vom 5eCinque nicht entgehen!) und einem saftigen bistecca alla fiorentina, das mindestens acht Zentimeter hoch und natürlich rare – blutig – gebraten sein muss. Man serviert diese lokale Steakspezialität zum Beispiel im I 4Leoni.

Borgo San Jacopo, Via Maggio und Via dei Serragli sind die Straßen der Handwerker und Antiquitätenhändler. Um den Borgo von der Piazza della Passera aus zu erreichen, gehe ich gern durch die Via Toscanella und schaue bei der Madonna del Puzzo vorbei, einer originellen Terrakottafigur von Mario Mariotti: Die Madonna hält sich die Nase zu und schaut zum Himmel hinauf. Mariotti wohnte in diesem Viertel und kam auf die Idee, seinen Missmut über dessen üblen Gerüche auf diese Art auszudrücken.

Wie schon gesagt gibt es hier Handwerker aller Art, wie zum Beispiel Lapo und Michiko. Er ist Buchbindermeister in der sechsten Generation, sie arbeitet in Florenz seit 15 Jahren als Papierrestauratorin. Sie sind Geschäftspartner und auch privat ein Paar. Lapo ist Autodidakt und ein echter Sohn der Kunst, während Michiko in Paris studiert hat (vor ihrem Atelier weht sowohl die französische als auch die italienische Flagge): „Wir haben uns hohe Ziele gesteckt, indem wir Einzelstücke herstellen und uns von jeder Art der Massenproduktion entfernt haben.“ Das Papier von Lapo und Michiko könnte auch als Grundlage für die künstlerischen Fotografien von Marilena und Rino dienen. Deren Labor Fotomorgana befindet sich zwischen dem Boboligarten und dem Torrigianipark in der Via dei Serragli 104, dem künstlerischen Zentrum des Florentiner Handwerks. Als wahrscheinlich die Einzigen in der Toskana, die Schwarzweißnegative entwickeln, sind sie seit so vielen Jahren auf dem Markt, dass alle Profis zu ihnen kommen. Im Labor erneuert sich die Magie der Dunkelkammer mit jeder Kreation: Einzelabzüge, handgemachte Passepartouts, Retuschen und Kolorierungen sind nur einige der unzähligen Möglichkeiten, die die Kunst von Marilena und Rino hervorbringen kann.

Wenn das Handwerk Sie in gute Stimmung versetzt hat, kultivieren Sie auch Ihren Appetit und machen Sie am dritten Sonntag im Monat einen Abstecher zur Piazza Santo Spirito. Hier kaufe ich auf dem Biobauernmarkt ein. Auf der Fierucola findet man Bergziegenkäse und Brot frisch aus dem Ofen. Bleiben Sie nach dem Einkauf doch noch auf dem Platz, um etwas zu essen – vielleicht als romantisches Dinner oder Sie nehmen sich einfach nur ein Brötchen mit. Wie viel Zeit haben Sie? Also ich laufe zum Mittagessen für gewöhnlich ein paar Schritte weiter zur Piazza dei Nerli, wo ich zwei crostini di poppa (Kuheuter auf Toast) und ein panino al lampredotto kaufe. Dieses Armeleuteessen, das aus dem Labmagen der Kuh gemacht wird, bekommt man nur beim Lampredottaio.

Wenn es Abend wird, gehen die Florentiner gerne auf ein Gläschen Cordiale ins Caffè Notte in der Via delle Caldaie. Hier befanden sich einst die Heizkessel der Wollzunft, mit denen die Färbegruben für die Stoffe beheizt wurden. Florenz verdankt diesem Handwerk sehr viel: Das Aussichtstürmchen Torrino di Santa Rosa, in das man für einen Drink oder ein schnelles Mittagessen einkehren kann, ermöglicht den Blick auf die Pescaia Inferiore, das untere Wehr. Die Ordensbrüder der Humiliaten hatten ein Kanalsystem geschaffen, um das Wasser zum ehemaligen Spital Borgo Ognissanti, zur Kirche und zu den Fabriken zu leiten. Obligatorisch ist hier ein Stopp in der kleinen Kirche von Borgo Ognissanti, die wahre Juwelen wie das wunderschöne hölzerne Kruzifix bereithält, auf dessen Restaurierung man gut zwanzig Jahre warten musste (nie war Geld da!). Ein weiterer zauberhafter Ort ist das Fresko „Das Letzte Abendmahl“ von Ghirlandaio, das nur vormittags zu besichtigen ist. Hier ist auch Luigi del Buono begraben, der Schöpfer der einzigartigen Florentiner Stenterello-Maske.

Und dann sind wir endlich in meinem Viertel, in Santa Maria Novella. Hier befinden sich der Hauptbahnhof, der in den Dreißigern von der Gruppo Toscano unter der Leitung von Giovanni Michelucci konzipiert wurde, ein neues Handwerkerviertel zwischen Borgognissanti, Via Palazzuolo und Via della Scala und zu guter Letzt der Zugang zum historischen Zentrum mit Dom und Palazzo Vecchio. Auf der Piazza vergnüge ich mich damit, die Sonnenuhr an der Fassade der Basilika abzulesen (eine weitere gibt es auf der Ponte Vecchio). Daneben befindet sich eine Armillarsphäre, ebenfalls ein astronomisches Instrument aus dem 14. Jahrhundert. In Santa Maria Novella gibt es auch zwei „neue“ Museen: das Museo del Novecento, das im ehemaligen Klosterspital San Paolo untergebracht ist, und das Museo Marino Marini in der ehemaligen Kirche an der Piazza San Pancrazio, das die Arbeiten des Meisters aus Pistoia neben dem Meisterwerk von Alberti, dem „Heiligen Grab“, präsentiert.

Ich liebe die Einheimischen-Viertel – das hat man schon gemerkt, oder? In San Lorenzo findet man einen schönen Markt, der mit einer Eisenkonstruktion überdacht ist. Er wurde am Ende des 19. Jahrhunderts von Giuseppe Mengoni entworfen und ist den Halles in Paris nachempfunden. Drinnen kann man essen, draußen werden an den Ständen Bekleidung und Lederjacken verkauft. Probieren Sie die Köstlichkeiten am Stand von Parini: abgehangenes Fleisch, Käse und Saucen. Fragen Sie ihn um Rat, wenn Sie sich nicht sicher sind wegen der Ausfuhrbestimmungen von Lebensmitteln ins Ausland – er ist bestens informiert! Und wenn Sie Lust auf ein Glas Wein haben, steigen Sie in den ersten Stock hinauf und besuchen Sie den Kiosk der Interessengemeinschaft Chianti Classico. Die hier gekauften Flaschen kann man sich direkt nach Hause schicken lassen.

Wagt man sich bis in die Via XXVII Aprile vor, kann man noch ein weiteres „Letztes Abendmahl“ bewundern. Das Kloster Sant’Apollonia beherbergt neben dem berühmten Fresko von Andrea del Castagno ein Museum und eine der beliebtesten Mensen der Stadt. Ist Ihnen kalt geworden beim Betrachten des Abendmahls? Dann kommen Sie zum Aufwärmen auf den Platz vor den Arkaden der Kirche Santissima Annunziata. Von dort aus kann man die Kuppel des Doms von Brunelleschi bewundern. In der Mitte befindet sich eines der wenigen Reiterdenkmale von Florenz – das von Ferdinando I. de‘ Medici, das von Giambologna und Pietro Tacca, Meistern der Bronzekunst, geschaffen wurde. Jetzt haben Sie es gleich geschafft: Steigen Sie zur Bar del Verone hinauf und dann durch den Bogengang zum Museo dell’Istituto Innocenti. Die Loggia, auf der einst die Wäsche des Waisenheims aufgehängt wurde, ist heute ein Café mit atemberaubenden Blick. Florenz von oben bewegt einen immer wieder.

Ich bin bei San Miniato a Monte gestartet und beende den Spaziergang beim Torre della Zecca, wo die Florentiner Münzen geprägt wurden. „Diesseits und jenseits des Arno“ haben wir gesagt: Im Sonnenuntergang zeichnet sich die Silhouette der mittelalterlichen Stadt ab. Die roten Dächer scheinen in Flammen zu stehen, die Pflastersteine der Straßen glitzern wie das Wasser des Flusses, der dem Horizont entgegenfließt. Ein Anblick so schön und rein, dass man ihn für immer im Herzen behalten wird.

di Isabella Mancini

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