Der Sportliche

„Hey Mann, auch Florenz hat seinen Central Park!“, sagt ein Typ neben mir, der gerade seine Muskeln dehnt. Anders als in New York könnte man im Parco delle Cascine allerdings einen guten Teil seines Urlaubs verbringen. Die grüne Lunge von Florenz verläuft mit ihren fast vier Kilometern Länge und 700 Metern Breite am Arno entlang und besitzt ein wunderbares Wegenetz und herrlich lange Alleen, die sich am Horizont verlieren. Auf 160 Hektar gibt es Natur, Wege zum Walken, Joggen, Fahrradfahren, Plätze zum Erholen oder, wie in meinem Fall, um neue Freundschaften zu schließen. Mit dem berühmten amerikanischen Park hat er die Atmosphäre, die Klänge und die zentrale Lage gemeinsam. Und wie in New York ist dies der perfekte Ort, um den Stress der Stadt hinter sich zu lassen.

Gleich am Eingang werdet ihr feststellen, dass der Park nicht nur als reines Freizeitgelände ausgelegt ist, sondern auch ein großes Herz für den Sport zeigt. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurden hier verschiedenste Sportanlagen errichtet: ein Fußballplatz, eine Radrennbahn, ein Tennisclub, eine Pferderennbahn, ein öffentliches Schwimmbad und Schießplätze zum Bogen- und Tontaubenschießen. Es gibt sogar ein Amphitheater. Alles ist harmonisch in die Natur eingefügt – ein erneuter Beweis dafür, dass man trotz eines ehrwürdigen Alters (der Park ist fast 500 Jahre alt) durch Sport in guter Form bleiben kann.

Aber beginnen wir mit der Radrennbahn Enzo Sacchi: Auf 333,33 Meter erhöhten Kurven und Geraden könnt ihr mit dem Rad entlangflitzen. Und habt keine Angst vor der Professionalität des Umfelds: Es genügt ein wenig Organisation und ihr seid sofort auf der Piste. Wie? Meldet euch beim Zentrum an, zahlt die Einschreibegebühr und teilt ihnen eure Größe mit. Dann gibt man euch ein perfektes Rennrad entsprechend euren Anforderungen. Und los geht’s! Schnell zu fahren ist ja einfach, oder? Im Gegenteil – über die Rennbahn zu sausen ist wie ein 800-Meter-Lauf. Ein Abendkurs allein reicht nicht aus, um auf lange Sprints vorbereitet zu sein, dazu braucht man Vorbereitung und vor allem Durchhaltevermögen. Das Rasen auf der Rennbahn stellt einen mental auf eine harte Probe, aber vertraut mir, es ist eine wunderbare Art, sich selbst kennenzulernen.

Weiter vorn, an der Pferderennbahn Visarno, gönne ich mir eine kurze Verschnaufpause und sehe dabei zu, wie der Sand unter den Hufen der Pferde hochspritzt, die Leute auf den Tribünen johlen und die Wettenden in den Wettbüros mit der Quittung in der Hand auf einen Sieg hoffen. Gleich außerhalb der Pferderennbahn befinden sich gleich nebeneinander die Schießplätze, wo übrigens auch der Olympiamedaillengewinner Niccolò Campriani trainiert. Die hohe Dichte an Übungsgeländen für Sport- und Bogenschützen in Florenz ist kein Zufall, ist die Stadt doch seit dem Mittelalter für die Kunst des Bogenschießens berühmt. Mit dem Tontaubenschießen wurde diese Geschichte dann weitergeführt. Man kann also durchaus sagen, dass man sich im Cascine-Park sportlich wirklich weiterentwickeln und breit aufstellen kann: vom Joggen und Rad fahren über das Reiten bis hin zum Bogenschießen und Sportschießen.

Und das ist noch nicht alles: Nachdem man schön geschwitzt hat, kann man hier am Abend mit Entspannungsübungen richtig gut runterkommen. Probiert es aus und findet mit den ca. 2000 gleichgesinnten Florentinern der spontan gegründeten Gruppe „Yoga in den Cascine“ eure innere Mitte. Ab Ende Frühjahr und bis Anfang Herbst finden sie sich dreimal die Woche zusammen, um die alten indischen Meditationsübungen zu praktizieren. Ommm!

Ich möchte euch keinen falschen Eindruck vermitteln. Florenz beschränkt sich nicht auf die Cascine alleine. Es gibt auch ein Leben außerhalb des Parks. Schon am anderen Arnoufer stoße ich auf die Wegweiser, die mich in Richtung der Hügel rund um Florenz führen. Wer ein Fahrrad hat oder die App mobike zum Bike-Sharing nutzt, sollte die schmalen Wege in Richtung Limonaia Strozzi oder Piazza di Bellosguardo hinauffahren. Zu jeder Jahreszeit breitet sich hier die wunderschöne toskanische Landschaft vor euren Augen aus. Von der Porta Romana bis zur Porta San Niccolò führt der Viale dei Colli, ein im 19. Jahrhundert angelegtes Wegesystem mit atemberaubenden Panorama. Das Auf und Ab der Straßen Viale Machiavelli und Viale Galileo folgt perfekt dem kurvigen Verlauf der Anhöhen. Die Straße ist breit und angenehm zu fahren. Unterwegs trifft man auf Steineichen, Nesselbäume, Zypressen, Robinien, Libanon-Zedern, Pinien und Gingkos. Im Ensemble mit den vielen öffentlichen und privaten Gärten fühlt man sich wie in einem großen botanischen Garten. Von hier erreicht man die Abtei San Miniato mit ihrem wunderschönen Ausblick. Ich lasse den Blick schweifen und vor mir zeichnet sich die Seele von Florenz mit der großen, die Stadt beherrschenden Kuppel von Brunelleschi ab.

Ihr habt kein Fahrrad? Kein Problem. In dieser Gegend gibt es auch viele Jogger. Sie wissen vor allem die breiten Gehsteige und den Schatten der dicht belaubten Bäumen zu schätzen. Hinter San Miniato befindet sich der Piazzale Michelangelo. Von diesem berühmten Aussichtspunkt aus geht ein Komplex an Straßen und Treppen ab, die zum Arno hinunter führen. Ich beginne den Abstieg und komme an einem großen Brunnen, einem Turm und einigen Häusern vorbei. Weiter unten, hinter dem dritten Park, liegt im Sommer am Arno der Urban Beach San Niccolò – ein Sandstrand mit ein bisschen Grün außenrum, Sonnenschirmen aus Stroh, Liegen, einer Cocktailbar, ein paar Beachvolleyballfeldern und verschiedenen Sportgeräten. Von der Straße aus scheint es sich fast um eine zeitgenössische Kunstinstallation zu handeln. Der Strand ist gut besucht und jeden Tag finden Trainingseinheiten für jedermann statt.

Müde vom Tag bestelle ich einen Drink und denke an den symbolträchtigsten Sport der Stadt: den Fußball. Die Verbindung der Stadt zum Fußball geht mindestens auf das Jahr 1530 zurück, als die von den Truppen Karls V. belagerten Florentiner beschlossen, trotzdem eine Partie Fußball zu spielen. Seither ist dieser Sport ein Synonym für Freiheit. Um an dieses Ereignis zu erinnern, findet jedes Jahr die Meisterschaft im historischen Florentiner Fußball – dem calcio storico fiorentino – statt. Vier Mannschaften der historischen Stadtteile der Stadt treten gegeneinander an. Zu Beginn jeder Partie gibt es einen Umzug in Kostümen, der euch in vergangene Jahrhunderte zurückversetzen wird. Spielfeld ist die Piazza Santa Croce mit den Freisitzen, der Kirche, den Häusern und der Dantestatue und dem extra für dieses Ereignis herbeigeschafftem Sand. Zwei Mannschaften mit siebenundzwanzig bischeri in historischen Gewändern rennen, treten, schlagen und beschwichtigen sich fünfzig ewig erscheinende Minuten lang. Das auf den Tribünen zusammengepferchte Publikum feuert die Spieler an, die untereinander auch mal Boxhiebe verteilen, um nur ja kein Tor zu kassieren. Meine Damen und Herren, das ist der historische Fußball von Florenz, aus denen sich moderne Spielarten wie Fußball und Rugby entwickelt haben. Und es ist verdammt aufregend, so ein Spiel zu erleben!

Während des restlichen Jahres kann man seinen Fußballhunger auf den Tribünen des Stadions Franchi stillen, wo die Violetten des legendären AC Florenz spielen. Fans wissen, dass sich das Stadion in der Nähe des Stadtviertels Coverciano befindet, wo das Verbandszentrum der italienischen Nationalmannschaft seinen Sitz hat. Es ist also praktisch ein Tempel des italienischen Fußballs, der von einem schönen historischen Museum und manchmal von der Anwesenheit der Azzurri beim Training vervollkommnet wird.

Wer keinen Sinn für Fußball hegt, der hat im Umkreis des Stadions lediglich die Qual der Wahl. Vom Schwimmen über Skating und Rugby bis zum Baseball gibt es Anlagen für jeden Geschmack. Auch Lokale und Imbissstände, wo man ein gutes Panino mit wunderbarer toskanischer Wurst oder einen Aperitif zu sich nehmen kann, fehlen nicht. Denn der Aperitif ist ein absolutes Muss in Florenz. Wollt ihr ihn an einem exklusiven Ort genießen, geht zum Lungarno Francesco Ferrucci. Kurz vor dem Sitz des städtischen Ruderverbandes von Florenz (falls ihr auf dem Arno rudern gehen wollt) befindet sich das Schwimmbad Rari Nantes Florentia. Das Außenbecken liegt sanft an den Ufern des Arno. Im Sommer kann man bis 22 Uhr frei schwimmen. Zwischen einer Bahn Rücken- und einer Brustschwimmen solltet ihr unbedingt einen Moment inne halten und den Sonnenuntergang genießen. Schmeißt euch dann euren Bademantel über und ich lade euch auf ein gutes Glas Chianti ein.

di Paolo Ermano

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