Die Stilsichere

Es gibt keine perfekte Jahreszeit für Florenz. Die Stadt selbst macht jeden Augenblick des Jahres perfekt: im Herbst die Farben, die sich im Arno spiegeln, der Brunellowein, der einen im Winter wärmt, die Fahrradausflüge im Frühling, im Sommer die langen Schatten der Kirchen, die sich auf dem Pflaster der Plätze abzeichnen. Der häufigste Fehler ist, Florenz nur als Kunststadt zu sehen. Also Vorsicht an dieser Stelle! Ja, es stimmt, drei Reiseführer würden nicht ausreichen, um erschöpfend von der Renaissance, den Uffizien und den Kirchen zu erzählen. Aber Florenz ist so vieles – unter anderem eben auch eine Stadt der Kunst. Wie ich das begriffen habe? Beim Lesen von „Firenze versus the World“ der Florentiner Künstlergruppe Riverboom. Auf der Rückseite des Buches heißt es: „Wenn es eine Touristensaison gibt, warum sind sie dann nicht zum Abschuss freigegeben?“ Der Fotoband vergleicht Florenz mit dem Rest der Welt anhand einer halbernsten Zusammenstellung von Symbolen und Stereotypen. Von da an hat sich mir die Stadt so kess und brillant gezeigt wie der bissigste Wortwechsel unter Toskanern.

Beim Spaziergang durch die Stadt springt der krasse Unterschied zwischen den ausladenden Vitrinen der Shoppingtempel und den kleinen Handwerksläden ins Auge. Letztere scheinen der Gleichmacherei der Globalisierung zu widerstehen und die Fahne des „Made in Italy“ hochzuhalten. Via Tornabuoni, Piazza Antinori und Via degli Strozzi bilden die klassische Luxusmeile, aber wenn ich etwas Ausgefalleneres suche, ist Luisaviaroma die richtige Adresse für mich – ein Concept Store, der auf dem Wunschzettel von Fashion Victims ganz oben steht. Mit ihren drei Stockwerken reinster Innovation ist Luisa der Maßstab für Mode, wie es weltweit wenig andere gibt. Die ständige Suche nach aufstrebenden Designern, die limitierten Editionen, die von den Modehäusern exklusiv für das Geschäft angefertigt werden, und die künstlerischen multimedialen Darbietungen auf den Großbildschirmen machen daraus eine Kultstätte der zeitgenössischen Moderne.

Modernität und Tradition: Florenz hat die perfekte Mischung. Das Gerben von Leder zum Beispiel ist eine uralte Tradition. Einige Straßen tragen noch heute die Namen der mit dem Gerberhandwerk verbundenen Zünfte: die Via delle Conce als Straße der Gerber, die Via Calzaiuoli als die der Schuhmacher und der Corso dei Tintori, der die Färber im Namen trägt. Der Berufszweig hat nicht nur bis heute überlebt, er wird sogar als eine der typischsten Branchen der Stadt betrachtet, was auch der traditionsreichen Gerberschule, der Scuola del Cuoio Fiorentina, zu verdanken ist. Und im Übrigen sind wir nicht irgendwo, sondern in der Stadt der Modemesse Pitti Immagine! Um die Piazza Santa Croce herum gibt es viele interessante Geschäfte, in denen man Mitbringsel aus Leder erstehen kann. Mit der Zeit habe ich das Geheimnis entdeckt, wie man die besten Läden aufstöbert: Ich folge dem Duft des Leders, trete in ein Geschäft ein und betrachte die Hände des Handwerkers: Sind sie gepflegt und glatt, ist es kein Meister der Lederkunst.

Gegenüber dem Palazzo Pitti, am Ende der Treppe, auf der sich die Touristen nach dem Besuch des Boboligartens ausruhen, zieht ein Laden die Blicke derjenigen auf sich, die schöne Dinge aus der guten alten Zeit zu schätzen wissen. Dieser Laden ohne Schild auf der Piazza de’ Pitti 5 ist das Atelier von Antonio Gatto, dem letzten Hutmacher der Stadt. Seine Hüte vereinen Tradition und aktuelle Trends. Sie sind wahre Kunstwerke, mit Liebe für Kunden aus aller Welt hergestellt.

Bei Sonnenuntergang, wenn Florenz immer röter und toskanischer wird (und die Touristen sich in den Restaurants niederlassen und die Einwohner die Stadt wieder in Besitz nehmen), kann man die Ponte Vecchio hinter sich lassen und durch Oltrarno zwischen Santo Spirito und San Frediano schlendern. Schon auf den ersten Metern begegnet man einer ursprünglicheren und ruhigeren Seite der Stadt mit einem Hauch von Bohème. Traditionelle Restaurants wechseln sich ab mit japanischen Nudelbars, Bistros im mitteleuropäischen Style, Saftbars und Boutiquen, die den Radical Chic feiern. Eine Ausnahme ist Il Cortile in der Via dei Serragli 12/R, eine Boutique, die auf internationale Trends setzt. An Schuhen findet man hier dänische Clogs, die Konfektion ist französisch, spanisch oder japanisch.

Manchmal verunsichert zu viel Luxus den Reisenden und schafft eine Blase der Perfektion – einen Nicht-Ort der Schönheit, der irgendwie überall gleich ist, auf jedem Kontinent, in jeder Hemisphäre. Das kann nicht passieren, wenn man in der Villa Cora absteigt, die im späten 19. Jahrhundert erbaut wurde. Das Hotel verfügt über 29 Zimmer und den Spa Bené, ein Paradies für Wellness und Körperpflege. Sich Zeit nehmen für eine Yogastunde zwischen Fresken und Barockdekoren oder für eine Traubenkernbehandlung – das ist möglicherweise die beste Art, einen Tag in Florenz zu beginnen oder zu beschließen.

Was ich am meisten am Reisen liebe, sind die unerwarteten Informationshäppchen, auf die man stößt. Um nur eines zu nennen: In Florenz, als einer der ersten italienischen Städte, die die Tradition des After-Work-Drinks begründeten, scheint der Brauch des Aperitivo schon seit über zwei Jahrhunderten zu bestehen. Meiner Meinung nach trinkt man den besten Aperitif im Serre Torrigiani, einem zauberhaften Stadtpark an der Piazza dei Tre Re. Von Mai bis September wird am Barroccino (einem Kleinlastwagen, der als eine Art Food Truck dient) bestes toskanisches Fingerfood frittiert und serviert.

In Florenz gut zu essen ist ziemlich leicht. Viel schwieriger ist es, im Restaurant eine Enttäuschung zu erleben. Seit 1979 ist das Cibrèo eine Institution in Florenz. Sein Chef Fabio Picchi ist inzwischen eine Berühmtheit und hat im Laufe der Jahre weitere Lokale eröffnet, darunter das Teatro del Sale. Den Besuch lohnen sowohl die ambitionierte Küche als auch der interessante Spielplan des Ensembles unter der Leitung von Maria Cassi. Zwei Schritte vom Dom entfernt, in einer kleinen Gasse, in der die Touristen Schlange stehen, um die Kirche von Dante zu besichtigen, befindet sich die Osteria Da‘ Vinattieri – der ideale Ort für eine Pause mit finocchiona, coccoli fritti (Fenchelwurst und frittierte Teigbällchen) und einem Glas Hauswein. Sehr vielseitig ist das Fishing Lab alle Murate: Hier wird Fisch in allen Variationen zubereitet – von Streetfood bis traditionell, roh à la Sushi oder gekocht, im Holzofen gegrillt oder geräuchert.

Im Oltrarno auf der linken Flussseite ist die gastronomische Auswahl ein bisschen raffinierter. Zum Frühstücken wähle ich das Ditta Artigianale in der Via dello Sprone 5/R, ein Lokal im Stil der fünfziger Jahre, in dem Kaffee und Croque Monsieur zelebriert werden. Das Gnam in der Via di Camaldoni 2/R bietet eine zeitgemäße Küche mit durchweg regionalen Bio-Produkten. Eine ähnliche Philosophie verfolgt das Bistrot Santa Rosa, das auch ein Picknickareal am Arno-Ufer, auf dem Lungarno Santa Rosa besitzt.

Wer sagt, dass man in Florenz nicht gut ausgehen kann? Nach dem Abendessen und bis tief in die Nacht hinein hat die Stadt viel zu bieten. Das beweist auch der Piazzale Michelangelo. Ein Florentiner würde hier niemals den Abend verbringen, es sei denn, er hat Lust, im FLÒ tanzen zu gehen – dem In-Lokal der Schicken und Schönen. Seine Terrasse lohnt den Besuch schon wegen des Panoramablicks auf Florenz by night. Will man die Stadt von einer der Dachterrassen der Hotels aus betrachten, zwischen Swimmingpool und Lounge-Bar mit gedämpftem Licht, kann ich das Grand Hotel Minerva und das Se.Sto des Westin Excelsior empfehlen. Die idealen Locations für einen guten Cocktail mit Orangenzesten und ein stimmungsvolles Erinnerungsfoto. Sucht ihr allerdings eine Umgebung mit mehr Underground-Flair und ist es auch schon spät geworden, dann ist die Bar Disagio der richtige Platz für euch. Das ist zwar nicht der richtige Name des Lokals, aber jeder Florentiner, der nachts um drei noch auf den Beinen ist, kann euch problemlos zeigen, hinter welcher Tür der Via Mazzetta ihr weiterfeiern könnt. Als Alternative für alle, die diesen Reiseführer dabeihaben, hier die Koordinaten: 43.76589, 11.24729.

di Veronica Gabbuti

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