Der Intellektuelle

„Venedig ist der romantischste Ort der Welt, aber noch schöner, wenn keiner da ist.” Ich mache mir die Worte Woody Allens zu eigen. Er benutzte sie in einem Interview mit der Zeitung „Il Corriere“, um sein Verhältnis zur Hauptstadt des Veneto zu beschreiben. Der kurzlebige Tourismus gewinnt die Oberhand über die Lagune und verbannt die Venezianer in eine Art freiwilliges Exil auf das lebenswertere Festland.

Eine Stadt, die eigentlich nicht für diejenigen ausgelegt ist, die Menschenmassen scheuen – und zu diesem Typ Mensch zähle ich mich leider –, und dennoch einzigartig und unnachahmlich bleibt. Eine Art Amphibium, das sich schwebend zwischen Realität und Traum fortbewegt.

Das illusorische, fast traumgleiche Wesen Venedigs verleiht der Lagunenstadt das Antlitz einer alterslosen Verführerin, deren Wunderdinge untrennbar mit einem der Wunder unserer Neuzeit verbunden sind: dem Kino. „Eine Erfindung ohne Zukunft”, urteilte Antoine Lumière nur einige Monate bevor eine Kinoleinwand das Teatro Minerva hinter dem Markusplatz erhellte und Szenen aus dem Leben in Venedig zeigte.

Hier begann die lange Liebesgeschichte zwischen der Lagunenstadt und dem Kino, eine Liebesbeziehung, die über die Jahre hinweg immer wieder neu belebt wurde und sich neu erfunden hat: von der ersten Kinovorstellung von Shakespeares „Othello“ im Jahr 1906 bis zu den Internationalen Filmfestspielen von Venedig.

Chiesa della Salute vista da Ponte dell'Accademia. Venezia 2017
Ikona Photo Gallery. Ghetto, Venezia 2017
I Giardini della Biennale. Venezia 2017

Nicht ohne Grund beginnen wir unsere Reise mit Woody Allen. Erste Station ist die Chiesa della Salute, die seit über 300 Jahren die Szenerie am Bancino di San Marco prägt. Die Basilika befindet sich direkt vor der ehemaligen Zollstation Venedigs, der Punta della Dogana, und ist Schauplatz des surrealen Interviews mit Susan Sontag über die beinahe chamäleonartige Persönlichkeit von Leonard Zelig im gleichnamigen Film des New Yorker Großmeisters.

Der Erfolg dieser Szene überzeugte Regisseure wie Steven Spielberg oder Anthony Minghella, Szenen von „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ beziehungsweise „Der talentierte Mr. Ripley” vor ebendieser Kirche zu drehen.

Aber wenn wir die wahre Verbindung zwischen Venedig und dem Kino erkunden wollen, müssen wir zum Lido di Venezia. Dazu kauft man am besten den Venezia Unica City-Pass (veneziaunica.it, gültig sowohl für Museen als auch für diverse Transportmittel) und nimmt eine beliebige Fähre Richtung Lido bis zur ihrer Endstation. Der Küstenstreifen des Lido grenzt die Lagune von Venedig von der Adria ab und war 500 Jahre lang die Bucht der Dogen. Unter den Jugendstilgebäuden des Lido hebt sich das Hotel des Bains besonders ab.

Dieses Grandhotel wurde 2008 geschlossen, aber es steht nach wie vor in seiner ganzen Pracht vor uns. Die gleiche Pracht, die Thomas Mann verzückte, als er hier immer wieder abstieg und das vornehme Haus zum Schauplatz seines berühmten Romans „Tod in Venedig“ wählte. 1971 brachte der italienische Regisseur Luchino Visconti den Stoff auf die Leinwand. Er nutzte ebenfalls das Hotel des Bains als Drehort. Die Art-déco-Salons, die wir im Film so bewundert haben, können, anders als der Strand mit seinen typischen weißen Zelten, leider nicht mehr besichtigt werden.

Dass der Lido Sinnbild für das Kino wurde, verdankt er vor allem dem Palazzo del Cinema, jenem Kongresszentrum, das seit 1983 die bekanntesten Filmfestspiele des italienischen Stiefels beherbergt. Ein zehnminütiger Spaziergang an der Promenade entlang und schon erblickt man das imposante Bauwerk, das irgendwie wie ein gestrandetes Raumschiff wirkt und damit eher einem surrealistischen Kunstwerk gleicht als einem Gebäude.

Ich erfreue mich noch für einige Augenblicke an der warmen Stille des Lidos und warte auf das Vaporetto, das mich zurück zu den herrlichen Tonnare der Lagune, ins Rialto, führt, wo sich unter der Ponte dei Baretteri, hinter einem halb versteckten Tor, das Casino Venier verbirgt. Ihr fragt euch, was casini sind? Venezianische casini haben nichts mit Glücksspiel zu tun, sie waren vielmehr zur Zeit der Venezianischen Republik die Aufenthaltsorte der adeligen Schicht und ähneln damit den literarischen Salons des 18. Jahrhunderts.

Hier verbrachten die Adeligen den Großteil ihrer Zeit. Ihre Gesichter verbargen sie hinter der baùta, der Karnevalsmaske, die so typisch ist für Venedig, und gaben sich den Annehmlichkeiten des Lebens hin. Heute steht das Casino Venier unter der Leitung der Alliance Française und bleibt eines der zahlreichen Juwelen Venedigs.

In seinem Inneren finden wir Gucklöcher, Geheimgänge, Spiegel, Musikzimmer sowie feinste Stuck- und Marmorarbeiten. Elemente, die dem Einblick in die Größe und Dekadenz des alten Venedigs nur noch mehr Magie verleihen.

Noch fünf Minuten schweifen wir durch das unendliche schwimmende Labyrinth, dann nähern wir uns einer der schönsten Kirchen Venedigs, Santa Maria Formosa, nur wenige Schritte vom Buchladen Acqua Alta entfernt. „Die schönste Buchhandlung der Welt“ kann man auf Lesezeichen und Flugblättern lesen. Sie bewerben das kleine Laden-Schmuckstück, das Luigi Frizzo mit Leidenschaft führt. Was das Besondere am Acqua Alta ist? Das gesamte Interieur ist darauf ausgelegt, im Falle von „aqua alta“ – also Hochwasser – schwimmen zu können. Denn wenn das Hochwasser Venedig einnimmt, läuft es über die Tür des Ladens auf den Kanal und setzt den Buchladen teilweise unter Wasser.

Deshalb ist Luigi mit einer Gondel, einem ausrangierten Boot und sogar einer Badewanne, alle gefüllt mit Büchern jedes Genres, bestens vorbereitet. Die Ausgaben seiner Schätze werden von Luigi in einer Art Bewusstseinsstrom katalogisiert, der einer gewissen Logik entspricht, die aber wahrlich nicht leicht zu interpretieren ist. Ich weiß nicht, ob es wirklich der schönste Buchladen ist, der jemals existierte, aber er verdient sicherlich einen Platz unter den originellsten.

Festa della Madonna della Salute. 21 Novembre Venezia 2017
Libreria Acqua Alta, Castello. Venezia 2017

In einer Seitengasse des Campo Manin liegt unweit der Piazza San Marco die Scala Contarini del Bovolo, die zu den berühmtesten Sehenswürdigkeiten von Venedig gehört. Dieses Kleinod in Form einer Wendeltreppe, die sich in einem zylindrischen Turm hinaufschlängelt, ist ein einzigartiges Beispiel für die venezianische Übergangsarchitektur von der Gotik zur Renaissance. Die aus Ziegelsteinen und istrischem Stein erbaute und mit Loggien und Bögen verzierte Treppe gehört zum Palazzo Contarini (daher ihr Name) und von ihrer 26 m hohen Aussichtsplattform hat man einen wunderbaren Ausblick auf ganz Venedig. Ihre Erbauung zwischen dem 14. und 15. Jahrhundert erregte ein solches Aufsehen, dass die Bevölkerung aufgrund der charakteristischen Schneckenform der Treppe (in venezianischer Mundart „bovolo”) der Familie Contarini den Spitznamen Contarini del Bovolo verlieh. Aber es gibt noch mehr Überraschungen hier: Die Loggia im zweiten Stock der Treppe führt in einen eher versteckten Winkel des Lagunenparadieses, dem Sala del Tintoretto. Dieser Saal beherbergt eine Sammlung von Gemälden und Skulpturen venezianischer Künstler, darunter so berühmte Namen wie Tintoretto, Guardi, Nicolò Bambini, Sebastiano Ricci und Jacopo Sansovino.

Seid ihr festlandmüde? Kein Problem! Ein kleiner Ausflug zu Wasser bringt euch in nur einer Viertelstunde – mit einem kleinen Zwischenstopp in Burano – auf die Insel Torcello, ein beinahe unbewohntes Wunder der Lagune mit einer kurzen, aber imposanten Geschichte. Genau hierher, in die Locanda Cipriani auf Torcello, zog sich einst Ernest Hemingway im Winter 1948 zurück und schrieb seinen Venedigroman „Über den Fluss und in die Wälder“.

Der Legende nach soll der amerikanische Autor nur allzu gerne im Schilf entlang der Barene auf Entenjagd gegangen sein. Deren Ergebnis soll er später mit Freunden und reichlich Valpolicella genossen haben. Giuseppe Cipriani, der Besitzer des Locanda Cipriani, soll Hemingway den Wein nahegebracht und dessen Leidenschaft dafür geweckt haben.

La Biennale, Arsenale. Venezia 2017
Ponte dei Baretti. Casino Venier. Venezia 2017

Aber der Glanz Venedigs entstammt nicht allein den Erinnerungen und der Vergangenheit. Kehren wir in die Lagune zurück und gehen wir Richtung San Samuele, wo wir beinahe geblendet vor dem Schaufenster der A plus A Gallery stehen bleiben. Man kann sie einfach nicht übersehen: Die Galerie zeichnet sich scharf von ihrer Umgebung ab, gleich einem Leuchtturm im Dunkel der Nacht, inmitten des fast undurchdringlichen Dickichts der Straßen um die Calle Malipiero.

Nur wenige Schritte entfernt von der ehemaligen Wohnstätte der Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, Nichte des noch bekannteren Solomon Guggenheim, behauptet sich die zeitgenössische A plus A Gallery neben den berühmtesten Museen der Welt. Sie hat sich auf das Experimentelle sowie slowenische und internationale Kunst spezialisiert. Zudem verschreibt sich die A plus A Gallery besonders der Förderung von Künstlern, die sich abseits des Mainstreams bewegen.

Bevor ihr wieder nach Hause zurückkehrt, sollte noch Zeit für einen letzten Besuch sein. Ich denke da an das Cannaregio-Viertel im Nordwesten Venedigs. Hier brodelt das Leben, besonders in den Abendstunden, in denen sich die Venezianer gern auf einen Aperitivo treffen. Eine gewisse Berühmtheit erlangte Cannaregio durch den vielfach ausgezeichneten Film „Brot und Tulpen“ von Silvio Soldini. Dieses Stadtviertel beherbergt ein echtes Juwel der Fotografie: die Ikona Photo Gallery.

Sie brachte als erste Galerie die Arbeiten von Helmut Newton nach Italien – daran erkennt man schon die historische und künstlerische Bedeutung der Ikona Gallery. 1979 gegründet, zieht sie nach wie vor die Liebhaber der Bildkunst an und gilt als echtes Aushängeschild mit internationalem Niveau in intimer Atmosphäre.

Trotz all seiner Probleme und Widersprüche bleibt in Bezug auf Venedig eines ohne Zweifel: Wenn man die Lagunenstadt wieder Richtung Festland verlassen muss, zählt das bei Weitem zu den schwierigsten und traurigsten Stunden des Tages. Letzten Endes hatte unser Freund Woody Recht: Venedig ist mit Abstand der romantischste Ort auf Erden. Auch wenn man ihn allein besucht.

di Valerio Stefanori

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