Die Stilsichere

Wenn ich Venedig wäre, wäre ich so was von wütend. Ich würde die Klischees hassen, die mir die Leute verpassen. Wie oft müsste ich mir anhören: „Venedig ist schön, aber ich könnte niemals dort leben!“ Ich würde nur noch mit den Augen rollen, wenn Geologen und Wissenschaftler behaupten, ich versänke durch die Erderwärmung eines Tages in meiner Lagune. Mit den langen Beinen meiner Pfahlbauten würde ich die Touristenhorden, die meine Brücken, Kanäle und Vaporetti verstopfen, aus der Stadt werfen.

Und James Bond wäre mein erklärter Todfeind. Er, der als Geheimagent immer eine Lösung für alles findet, lässt ausgerechnet mich in der letzten Szene von „Casino Royale“ in die Luft fliegen – und all das für eine Frau und einen Koffer voll Geld. Ja, ich wäre echt sauer. Stell dir vor, man würde dir sagen, du seiest zwar schön, aber man könne keinesfalls mit dir leben! Venedig ist aber glücklicherweise anders. Die Stadt hegt keinerlei Groll – gegen niemanden. Im Gegenteil, sie erweist sich als absolut großzügig und schenkt jedem Besucher so unglaublich schöne Urlaubserinnerungen, wie es nur die Lagunenstadt kann.

Es ist früh am Morgen und das Zimmer meines Boutique-Hotels Palazzo Barbarigo ist vom Licht durchflutet. Wenn ich nach draußen blicke, sehe ich nicht nur eine, sondern zwei Sonnen. Eine oben am herrlich blauen Himmel, die zweite als Spiegelung im Kanal direkt unter meinem Hotelfenster. Wenn die Sonne in voller Kraft vom Himmel strahlt, weiß man die eher dunkle Farbwahl dieses wunderbar schlichten, aber eleganten Hotels besonders zu schätzen. Bordeauxrote Samtsessel, graue Wände und abgedunkelte Scheiben.

Das Hotel befindet sich in einem Renaissancepalast am Canal Grande, zwischen Campo San Polo und der Basilica dei Frari. Es ist nicht das erste Mal, dass ich Venedig einen Besuch abstatte. Deshalb habe ich mich für eine Unterkunft im San-Polo-Viertel entschieden, weil es einfach zentral liegt, aber die Umgebung doch eher ruhiger ist. Hier ist man etwas abseits vom touristischen Rummel, hat aber dennoch eine fantastische Auswahl an Bars und Restaurants.

Hotel Palazzo Barbarigo, Canl Grande. Venezia 2017
Dorsoduro, Venezia 2017
Osteria San Marco

Das Mercante di Sabbia ist ein kleines Atelier in der Calle dei Saoneri und zieht sofort meine Aufmerksamkeit auf sich. Das Schaufenster ist kreativ und mit Liebe zum Detail dekoriert. Von der Decke hängen Lampen aus Holz und Eisen in den unterschiedlichsten geometrischen Formen. Das Geschäft selbst entspringt einer antiken Macelleria und verkauft nicht nur Lampen, sondern auch Schmuck einer italienisch-französischen Designerin, Handtaschen und allerlei Ethno-Schick. Wenn ihr hingegen auf der Suche nach dem perfekten Kleidungsstück seid, findet ihr es sicherlich bei Al Duca d’Aosta. Diese Boutique unter der Rialtobrücke gibt es bereits seit 1902.

Ursprünglich war das Geschäft auf Hemdenstoffe spezialisiert. Vor vier Generationen entschied sich ihr Besitzer Emilio Ceccato, seine eigene Hemdenkollektion auf den Markt zu bringen. Richtungsweisend, wie sich später herausstellte, denn er legte damit den Grundstein für eine der Topmarken in ganz Norditalien. In den mittlerweile sieben Geschäften findet man das Beste an italienischer und internationaler Designerkleidung, dazu die aktuellen It-Taschen und Must-Have-Accessoires der Saison.

Aber selbst das perfekte Kleidungsstück wäre ohne die perfekten Schuhe dazu nicht komplett. Es gibt da nur ein Problem: In ganz Venedig sind unbequeme Schuhe ein absolutes No-go. Zwischen Brücken, Treppen, Wassertaxis und Vaporetti werden High Heels schnell zum Fluch. Ich stecke faltbare Ballerinas von Nina, einem kleinen Lädchen mit Pariser Chic am Campiello San Rocco, in meine Handtasche und bin damit selbst für die längsten aller venezianischen Nächte gerüstet.

Ca' Macana. Dorsoduro, Venezia 2017

Nach einer kleinen schöpferischen Pause und leckeren Sarde in saor zum Mitnehmen von Acqua & Mais fühle ich mich wieder gestärkt. Das Acqua & Mais im San-Polo-Viertel zählt zu den besten Street-Food-Institutionen der Stadt. Erfrischt begebe ich mich auf die Suche nach einem Geschäft, über das ich vor Kurzem in einer Zeitschrift gelesen habe.

Wer glaubt, venezianische Masken seien alle gleich, wird im Ca’ Macana eines Besseren belehrt. Nicht umsonst stammten aus der Werkstatt des Ca’ Macana die Kostüme für Stanley Kubricks Film „Eyes Wide Shut“. Sobald man den Laden zwischen dem Campo Santa Margherita und der Ca’ Rezzonico betritt, wird schnell klar, dass man hier echte Handwerkskunst und Sammlerstücke erstehen kann, keine billigen Souvenirmasken. Die Farben, Materialien und die Verarbeitung dieser kleinen Kunstwerke sind einzigartig.

Oder wolltet ihr schon immer eure eigene Maske fertigen? Kein Problem! Bucht einfach einen der vielen Kurse, und die Experten des Ca’ Macana führen euch in die traditionelle Handwerkskunst der venezianischen Masken ein. Auch das ist übrigens Venedig: Wissen, das der Globalisierung äußerst erfolgreich trotzt, und Kunst, die einem an jeder Ecke fast schon arrogant ins Auge springt.

Ich kenne kein Wort, das die Schönheit des Palazzo Papadopoli gänzlich einfangen könnte. Diese Residenz aus dem 16. Jahrhundert beherbergt heute das wohl schönste Hotel der Welt – das Aman Venice. Ja, hier sind Superlative durchaus angebracht. Stellt euch einfach vor, ihr frühstückt in einem Saal umgeben von Fresken der Künstler Giambattista Tiepolo und Paolo Veronese. Dann stellt euch euer Zimmer vor: Hier gibt es keine gewöhnlichen Zimmernummern, denn hier seid ihr Gäste, keine Nummern.

Stellt euch ein altertümliches Spielzimmer mit hölzernen Schachbrettern und Bücherregalen vor, die bis an die Decke reichen. Hier kann man in Räumen mit gigantischen Kaminen, Spiegeln in kunstvollen Intarsienrahmen, Kronleuchtern aus Murano-Glas und natürlich in der Spitzenküche von Davide Oldani und Dario Ossola schwelgen. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass George Clooney und seine Frau Amal dieses Hotel für ihren Hochzeitsempfang auswählten.

Hotel Palazzo Barbarigo, Canal Grande. Venezia 2017
Dorsoduro, Venezia 2017

Und wenn wir schon mal bei VIPs sind, von denen Venedig übrigens besonders zu den Filmfestspielen geradezu überquillt, habe ich noch einen Tipp für euch. Stattet unbedingt dem Hotel Metropole an der Piazza San Marco einen Besuch ab. Wer weiß, vielleicht habt ihr Glück und seid gerade dann vor Ort, wenn Grace Jones und Elton John mal wieder am Piano sitzen und bis spät in die Nacht ein Duett allererster Güte abliefern.

Die jamaikanische Sängerin wohnt übrigens dauerhaft im Hotel Metropole, das sich im Besitz der Familie Beggiato befindet. Es heißt, sie habe sich eines Abends in einen der dort ausgestellten orientalischen Fächer verliebt und damals die komplette Kristallvitrine auseinanderbauen lassen, um ihn auf einer Gala tragen zu können.

Ponte dell Accademia. Venezia 2017

Wenn man es zulässt, zieht einen das Dolce Vita Venedigs fast überfallartig in seinen Bann. Mein Tipp: Lasst euch darauf ein. Ihr werdet euch schnell in einen einzigen übergroßen und luxuriösen Vergnügungspark oder auf ein Hollywood-Filmset versetzt fühlen. Beim Stichwort Venedig sollte man die Gastronomie aber keinesfalls vergessen.

Die venezianische Küche blickt auf eine jahrhundertealte Tradition zurück, ist wahnsinnig vielfältig und verführt mit einem Kaleidoskop an Aromen. Mein persönliches Lieblingsrestaurant ist das Antiche Carampane in der gleichnamigen Straße in der Nähe des Fischmarkts im Stadtteil Rialto. Es ist ein absoluter Garant für Frische und Qualität. Die Baccalà mantecato ist das kulinarische Aushängeschild dieser alten Osteria, die bis in die 80er-Jahre eher unter den Arbeitern der Umgebung bekannt war. Über die Jahre entwickelte sie sich zu einem der begehrtesten Restaurants für Venezianer und Ortskundige. Wenn euch nach einem schnellen Abendessen in eleganter Umgebung ist oder ihr die ausgezeichneten Weine der Region probieren wollt, fällt eure Wahl bestimmt auf die Osteria Enoteca San Marco.

Hier erwarten euch kunstvoll präsentierte Gerichte und kulinarische Neuinterpretationen venezianischer Klassiker. Ihr habt noch nicht genug? Ein echtes Original in der Restaurantszene der Lagunenstadt ist das ganztägig geöffnete Estro. Ihr findet die gemütliche Weinbar nur wenige Schritte von der außen eher unscheinbaren aber innen umso prachtvolleren Chiesa di San Pantalon entfernt. Zu ausgesuchten Weinen und Craft-Bieren werden Gourmet-Tramezzini serviert. Alle Produkte sind bio und aus der Region.

Bei Esto findet man sich in einem dynamischen Venedig mit einer herzlichen und ungezwungenen Atmosphäre wieder. Hier ist es etwas lauter als anderswo, und die Murano-Kronleuchter stammen natürlich von jungen, regionalen Künstlern. Hier, ebenso wie am Campo Santa Margherita, wo sich die Jugend bis in die Nacht hinein trifft, gibt sich Venedig entspannt und voller Lebensfreude. Hier lässt Venedig uns besonders spüren, dass man hier durchaus gerne wohnen möchte.

di Veronica Gabbuti

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