Der Sportliche

Vergesst das romantische Bild, dass ihr von Venedig habt – Pärchen in Gondeln und Küsse auf dem Markusplatz. Venedig ist eine Stadt für echte Sportler, eine, die dich fordert und trainiert wie keine andere.

Zugegeben, es gibt hier keine großartigen Sportanlagen, aber was macht das schon? Venedig selbst ist eine einzig große Sportstätte. Seine 423 Brücken, 1198 Kanäle und 142 Brunnen ergeben die Zutaten für eine herrliche Laufstrecke. Und es gibt weltweit wohl keine schönere Stadt zum Joggen als Venedig. Hier ist für jeden Geschmack etwas dabei. Ich zum Beispiel mag keine labyrinthischen Wege und fühle mich am Uferkai Zattere am wohlsten. Die Strecke verläuft gerade, und ich muss nur wenige Brücken überqueren.

Auch das Ufer der Giudecca-Insel hat seinen ganz eigenen Charme. Hier ist vergleichsweise wenig los, und in den eher dunkleren Monaten umgibt die Gegend die fast intime Atmosphäre eines italienischen 70er-Jahre-Films. Außerdem hat man noch den Uferweg, der vom Markusplatz (Piazza San Marco) zu den Gärten (Giardini) führt.

Hier kann man unter Umständen auf lebhaften Verkehr stoßen, außer am Abend und in den frühen Morgenstunden. Wunderschön ist es auch, sich als Jogger in den abertausend Gassen der Lagune zu verlieren.

Centro sportivo Sant'Alvise. Cannaregio, Venezia 2017
Parco delle Rimembranze. Isola di Sant'Elena. Venezia 2017
Sacca Fisola. Isola della Giudecca. Venezia 2017

Dann gibt es natürlich noch die 177 Kanäle, von schmal bis breit. Allerdings sind diese zum Baden absolut ungeeignet. Jeder Venezianer würde dir raten, zum Baden an den Lido di Venezia zu fahren. Oder pack deine Badesachen ein (Badekappe und Bademantel nicht vergessen!) und probier eines der beiden öffentlichen Schwimmbäder aus. Eines im Norden von Canareggio, in der Nähe der Kirche Chiesa di Sant’Alvise, das zweite auf der künstlichen Insel Sacca Fisola, Teil der Hauptinsel Giudecca.

Beim nördlich gelegenen Centro Sportivo Canareggio meint man auf den ersten Blick, es gäbe dort nichts weiter als ein Schwimmbad, aber wenn man sich umschaut, trifft man nur ein paar Schritte weiter auf einen Boccia-Platz und eine Kletterwand. Das Gebäude selbst ist ein umgebautes ehemaliges Lagerhaus. Dort zu schwimmen ist eine einzigartige Erfahrung, besonders bei Sonnenuntergang.

Durch eines der großen Fenster zur Lagune hin dringt warmes Licht herein und lässt einen immer wieder in seinen Schwimmbewegungen innehalten. Wenn ihr hier seid, kostet das sanfte Abendlicht aus und lauscht dem Rauschen des Meeres und den Lauten der Möwen. Das andere Schwimmbad auf der von Menschenhand aufgeschütteten Insel Sacca Fisola befindet sich in einem der raren untouristischen Viertel Venedigs, das mit seinen Gebäuden aus den 1960ern, Geschäften und Büros den Venezianern fast allein gehört.

Die Sportanlage selbst ist mit allem nur erdenklichen Komfort ausgestattet. Vom Kleinfeldfußball, Tennis über Boxen bis zum freien Bahnenschwimmen – hier kann man sich nach Lust und Laune austoben. Ihr müsst einfach nur reservieren oder euch in einen der dortigen Kurse einschreiben. Seit einigen Jahren wird hier übrigens auch im Badeanzug und mit Nikolausmütze Weihnachten gefeiert.

Aber zurück zu den Kanälen. Kaum einer weiß, dass man sich in Venedig per Boot frei auf den Gewässern bewegen darf. Ihr habt selbst ein kleines Boot? Wunderbar, damit könnt ihr in die Kanäle fahren und müsst lediglich die Verkehrsregeln zu Wasser beachten. Oder ihr leiht euch ein Boot aus. Die Auswahl an Anbietern ist riesig (www.venicebywater.com) und das Bootfahren eine tolle Möglichkeit, die Stadt aus einer anderen Perspektive zu erkunden – so, wie es die Menschen hier schon seit Jahrhunderten tun.

Aber passt auf, die Kanäle sind durch die vielen Wasserfahrzeuge und die teils hohen Wellen und Brecher der großen Schiffe für Unerfahrene nicht ganz ungefährlich. Mein Tipp lautet also, dies eher in der Nebensaison zu planen (im späten Herbst bis zum Frühling beispielsweise ist ein idealer Zeitpunkt, den Karneval solltet ihr meiden).

Zusätzlich empfiehlt es sich, eher am Stadtrand zu bleiben, ganz einfach um Venedig und seine Kanäle ganz in Ruhe erkunden zu können. Oder ihr nutzt die vielfach angebotenen geführten Ausflüge zu Wasser. Diese sind besonders in den Abendstunden ein echtes Erlebnis.

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte sei mir auch beim Thema Sport gestattet. Venedig steht für eine jahrhundertealte Seemannstradition, die schon immer das Leben der Lagunenstadt geprägt hat. Auch heute noch gibt es viele, die diese alten Traditionen am Leben halten. Speziell spreche ich hier von den ortsansässigen Ruderern, den Canottieri della Giudecca. Mehr denn je sind die venezianischen Ruderer heute stolz auf ihren Sport.

Im Gegensatz zum englischen Ruderstil steht man beim venezianischen Rudern aufrecht und blickt nach vorn. Die Ruder werden nicht durch das Wasser gezogen, man stößt sich vielmehr mit dem Ruder ab. Diese Technik hat sich in Venedig durchgesetzt, da man dabei sowohl fischen als auch einfacher durch die Kanäle navigieren kann. Ihr müsst nur an die Rudertechnik der Gondolieri denken und wisst sofort, was ich meine. Alle Mitglieder der Canottieri tragen das typische rote Matrosenhemd und können verschiedene Bootstypen nutzen.

Also, worauf wartet ihr noch? Meldet euch an! Die Reale Società Canottieri Bucintoro ist die älteste Cannottieri-Gesellschaft in ganz Italien und geht auf das Jahr 1882 zurück. Sie hat ihren Sitz in den ehemaligen Salzlagern der über 600 Jahre alten Zollstation Punta della Dogana. In diesem außergewöhnlichen Bootshaus könnt ihr die tausend Jahre alte Seemannskultur und die daraus hervorgegangenen venezianischen Bootstypen live erleben: Neben einem puparìn, einer caorlina, einer Jolle und einer mascareta findet ihr drei gondolini und eine ballotina.

Und damit nicht genug: Wenn ihr Glück habt, versteckt sich hier auch die ein oder andere Rarität – beispielsweise die wohl schönste historische Gondel Venedigs aus dem 19. Jahrhundert. Dieses Meisterstück stammt aus der Werkstatt des berühmten Meisters seines Fachs, Giubboni. Mit der Società Bucintoro ist es einfach, eine Ruderpartie mit ein oder zwei Lehrern zu organisieren. Hinter der Guidecca-Insel trefft ihr auf Sportgruppen, die vor der Enge der Stadt flüchten, vor all den Häusern und Kirchen, die einem nie eine Atempause gönnen.

Parco delle Rimembranze. Isola di Sant'Elena. Venezia 2017
Parco delle Rimembranze. Isola di Sant'Elena. Venezia 2017

Nach ein paar Tagen macht es sich bemerkbar, dass es Venedig an Parkanlagen und größeren Freiflächen fehlt. Es gibt sie aber doch, die eine grüne Insel Venedigs: Sant’Elena, hinter den Giardini della Biennale. Im Parco delle Rimembranze könnt ihr euch an den Sportgeräten und -plätzen austoben.

Etwas weiter trefft ihr auch auf eine Skaterfläche. Eine kleine Notiz am Rande: Auf der Insel befindet sich auch das Fußballstadion Venedigs (Stadio Pier Luigi Penzo) für den Fall, dass ihr euch spontan ein Match ansehen wollt.

Isola della Giudecca. Venezia 2017
I Giardini della Biennale. Venezia 2017

Ihr habt kein Fahrrad dabei? Oder glaubt, in Venedig könnte eine Radtour schwierig werden? Alles kein Problem! Fahrt einfach zum Lido di Venezia. Nehmt die Fähre – es dauert nicht lang. Ihr braucht auch kein eigenes Fahrrad mitzunehmen, sondern nutzt einfach die städtischen Leihfahrräder. Bikesharing wird hier großgeschrieben.

Nach ein paar Metern verstehe ich auch, warum: Die zehn Kilometer lange und bis zu 700 Meter breite Insel ist ein Paradies für Radfahrer. Man kann entweder die Insel abfahren oder am südlichsten Teil mit dem Fahrrad in die Fähre zur Nachbarinsel Pellestrina einsteigen. Die wilde Landschaft Pellestrinas wird euch begeistern. Der Lido eignet sich mit seinen langen, von Bäumen gesäumten Alleen auch besonders gut zum Joggen. Man hat leichten Zugang zum Meer, und das Landesinnere ist sehr gepflegt.

Ein kleiner Tipp: Besucht den Süden des Lidos in der Nähe des Golfplatzes. Dort findet ihr das Naturschutzgebiet Oasi degli Alberoni. Der Eintritt ist kostenlos, und seine durch den Bora-Fallwind geschaffenen Dünen entschädigen euch für die Anstrengung. Passt lediglich auf die Schildkröten auf, die hier ihre Eier ablegen. Ihr seid noch nicht müde? Dann solltet ihr direkt zum Parco di San Giuliano durchstarten. Ich müsst dafür die vier Kilometer lange Brücke Ponte della Libertà überqueren.

Ein echtes Erlebnis für alle Radbegeisterten: vorbeizischende Züge und Autos zu eurer Rechten und der Ausblick auf das Meer und die Skyline von Marghera zu eurer Linken. Nach der Brücke ist etwas Vorsicht geboten. Um mit dem Fahrrad (oder zu Fuß) zum Park zu gelangen, müsst ihr euch erst zwischen Straßen und Zebrastreifen hindurchschlängeln.

Aber am Ende füllt die herrlich frische Luft des Parks eure Lungen. Zusätzlich zu den ausgewiesenen Jogging-, Fahrrad-, Skating- und Walkingstrecken gibt es auch einen Verkehrsübungsplatz für die Kleinen mit asphaltierten Straßen, Ampeln und Straßenschildern. Wenn man darüber nachdenkt, eine im Grunde ziemlich verschrobene Initiative der Stadt, denn ein Führerschein nützt einem hier nicht wirklich viel.

di Paolo Ermano

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