Die Entdeckerin

Wer Venedig liebt, liebt auch die Stille. Denn wer hier in der Innenstadt wohnt, hat den typischen Verkehrslärm der Städte längst vergessen. Hier lauscht man den Geräuschen der Vaporetti und dem Gesang der Gondolieri, die tagein, tagaus Besucher mit ihren Serenaden unterhalten. Aber was echte Stille ist, erfährt man erst, wenn man die Serenissima verlässt und in die Inseln der Lagune eintaucht.

Wenn ich meine Gedanken ordnen muss, nehme ich immer ein Vaporetto ab der Anlegestelle Fondamenta Nuove. Von dort kommt man direkt auf die Inseln Murano, Burano und Torcello und von da weiter nach San Francesco del Deserto und zur Halbinsel Cavallino Treporti – Orte, an denen die Seele wirklich auftanken kann.

Burano 2017
Da Burano a San Francesco del Deserto. Laguna Venezia 2017
Vaporetto direzione Murano. Venezia 2017

Starten wir auf Murano, Sitz des berühmten Glasbläser-Handwerks, ein Ort, der Menschen wie Paolo Beraldo inspiriert. Ihr findet ihn und sein kleines Reich in der Fondamenta Radi Nummer 14, wo er uns die Ateliertür öffnet. Hier arbeitet er an riesigen Skulpturen, für die er Schiffswrackteile und recycelte Glasscherben aus den Schmelzöfen Muranos miteinander kombiniert. Sein Atelier ist in Wahrheit eine Werkstatt, in der er seinem eigentlichen Beruf als Mechaniker für Boote und Motoren nachgeht.

Die Unmengen an Nägeln, Räderwerken und Metallresten, die sich dort täglich ansammeln, vereint Paolo geschickt mit farbigem und Murrine-Glas zu Kunstwerken. Seine Arbeit „Polarizzazione n.2“. zeigt beispielsweise die zerstörerische Kraft des Krieges. Paolo lädt mich auch in den nächsten Raum seiner Werkstatt ein, wo er und seine Partnerin Maria Luisa De Bin ein weiteres wirklich einzigartiges Projekt auf die Beine gestellt haben. Maria Luisa ist Optikerin und hatte die geniale Idee, Brillenbügel in der typischen Form eines ferro herzustellen.

Das ferro besteht eigentlich aus Eisen und ist das kammartige Bauteil einer Gondel, das den Bug bei Zusammenstößen schützen soll. Ihre Kollektion nennt sich „Lagooneyes“ – aber besucht die beiden am besten selbst und seht ihnen bei ihrer kreativen Arbeit zu.

Von Murano aus erreicht man die Insel Burano in nur einer Viertelstunde. Mit ihren bunten Hausfassaden könnt ihr sie gar nicht verpassen. Die Häuser sollen unter anderem deshalb so farbenfroh gestrichen worden sein, damit die Fischer auch bei starkem Nebel zurück nach Hause finden konnten. Nehmen wir uns ein bisschen Zeit, schlendern wir die Hauptstraße Buranos, die Via Baldassarre Galuppi, entlang und biegen in die Via al Gottolo ab. Dort befindet sich mit dem Wohnsitz von Giuseppe Toselli das wohl bunteste Haus der ganzen Insel. Giuseppe Toselli ist bzw. war ein echter Buranello, wie die Inselbewohner hier genannt werden.

Leider ist dieser kunstverrückte Inselbewohner schon vor einigen Jahren gestorben, aber unter dem Namen „Bepi Suà“ kennt man ihn bis heute. Sein Haus versetzt Besucher noch immer in Staunen, denn die Fassade gleicht abstrakter Kunst und besticht durch geometrische Formen. Bepi Suà war Autodidakt und verbrachte seine Tage damit, sein Haus in ein sich ständig veränderndes Kunstwerk zu verwandeln. Die aktuelle und damit letzte Version der Fassade ist nur eine der vielen Ideen aus der Meisterhand von Giuseppe Toselli, der übrigens nicht nur Künstler, sondern auch Cineast war: An Sommerabenden projizierte er für die Kinder immer Schwarzweiß-Komödien in den Hof der Via al Gottolo.

Wenn ihr in Burano etwas Zeit verbringen und einen Einblick in die Seele der Insel erhalten möchtet, empfehle ich euch, im Casa Burano Quartier zu nehmen. Dieses Hotelprojekt hat die Familie Bisol entworfen, die seit Generationen auch den bekannten Prosecco di Valdobbiadene anbaut. Auf der grünen Nachbarinsel Mazzorbo, von Burano lediglich durch eine Brücke getrennt, gründete die Familie Bisol das Weingut und Hotel Venissa. Hier pflanzten sie auch eine historische Rebsorte, die „goldene“ Dorona-Traube wieder an, aus der einst der Lieblingswein der Dogen gekeltert wurde. Was das Casa Burano so besonders macht? Es folgt dem alternativen Hotelkonzept eines Albergo Diffuso, eines „verstreuten Hotels“, bei dem ein ganzes Dorf ohne zentralen Hotelkomplex, aber mit vielen kleinen Unterkünften zum eigentlichen Hotel wird.

Dafür hat die Familie Bisol auf Burano 13 einzelne Zimmer gekauft und von ortsansässigen Handwerkern renovieren lassen. Die Zimmer haben keine Küche, denn die Bisols wollen Besucher dazu ermuntern, sich unter die Inselbewohner zu mischen und diese wirklich kennenzulernen – Fischer, Bauern, Restaurantbesitzer, Künstler und die berühmten Spitzenklöpplerinnen.
Die von Burano ablegenden Vaporetti führen uns zu weiteren faszinierenden Inseln der Lagune. In Torcello beispielsweise siedelten sich die ersten Laguneneinwohner an. Heute gibt es hier nur noch etwa zehn Einwohner, aber ein Besuch ist mehr als empfehlenswert, trifft man hier doch auf das authentische und ursprüngliche Leben in der Lagune.

Den Inselbewohner Paolo Andrich zog es beispielsweise hierher, weil er dem hektischen Leben der Stadt entfliehen wollte. Er ist der Erbe des venezianischen Künstlers Lucio Andrich, Maler, Graveur, Bildhauer und Mosaikkünstler. Auf Torcello schuf er sein Traumhaus mitten im Grünen, umgeben von der Lagune. Hier fand er die Inspiration für seine Werke. Nach seinem Tod verwandelte Paolo das Haus seines Onkels in eine Galerie und ein Museum, das ihr nur wenige Schritte von der Vaporetto-Anlegestelle entfernt findet.

Das Haus bietet eine wunderbare Gelegenheit, innezuhalten, sich auszuruhen und die unglaubliche Ruhe der Natur in sich aufzusaugen.

Mazzorbo, Burano. Venezia 2017
San Francesco del Deserto. Laguna Venezia 2017

Auf einer Entdeckungstour durch die Lagune darf natürlich ein Zwischenstopp in San Francesco del Deserto nicht fehlen. Die Insel beherbergt ein Franziskanerkloster, das der Legende nach auf den heiligen Franz von Assisi zurückgeht. Es soll vor 800 Jahren gegründet worden sein, nachdem der Prediger während seiner Rückkehr aus dem Orient in einen Sturm geraten war und sich retten konnte.

Hier kann man nicht nur das Kloster und den wunderschönen Garten besuchen, sondern auch eine Weile von der Welt Abstand nehmen und sich auf spirituelle Einkehr begeben. Allerdings solltet ihr beachten, dass die Vaporetti-Linien nicht bis hierher fahren. Um zur Insel zu gelangen, müsst ihr die Ordensbrüder bitten, euch von Burano aus ein Boot zu organisieren.

Paolo Beraldo scultore di Murano. Venezia 2017
Burano 2017

Zum Abschluss möchte ich euch gerne noch auf die Halbinsel Cavallino Treporti mitnehmen, das europäische Mekka des Campingtourismus. Die Halbinsel trennt die Lagune von der Adria und eignet sich auch perfekt für eine Erkundungstour mit dem Fahrrad. Folgt dafür einfach der Küste bis zu den Barene. Diese lagunentypische Landschaftsform wird von vielen natürlichen Kanälen durchzogen und hat einen sandigen, teils lehmigen Boden, der sich nur wenig über das Wasser erhebt und eine reichhaltige Vegetation trägt.

Fahrt hier ruhig etwas langsamer, denn vielleicht habt ihr die Gelegenheit, einen Graureiher oder sogar einen rosa Flamingo zu sehen. Später trefft ihr auf eurer Tour auf eine Vielzahl kleiner und alter Dörfer, die auch heute noch bewohnt sind. Eines davon ist das Dörfchen Lio Piccolo, in dessen Zentrum nur noch zwei ältere Damen residieren. Die allerdings halten nur zu gerne mit den Vorbeifahrenden ein kleines Schwätzchen. In der Gemeinde Cavallino Treporti leben Michele Borgo und Achille Scarpa, die ich euch gerne näher vorstellen möchte. Michele wohnt etwa einen Kilometer vom Zentrum von Lio Piccolo entfernt und baut lila Artischocken an.

Diese besondere Art der Artischocke ist typisch für die Lagune und verdankt ihren Geschmack dem Lehmboden, der hier so reich an Mineralsalzen ist. Ihren Namen erhielt diese Artischockenart von den leuchtend violetten Blüten, die sie am Ende ihrer Wachstumsperiode hervorbringt. Michele kommt eigentlich mitten aus Venedig, zieht es aber vor, mit seiner Frau und den drei Kindern hier zu leben und „jeden Tag in den Genuss der Langsamkeit und Stille zu kommen“. Das Haus von Achille Scarpa hingegen befindet sich im nahe gelegenen Valle Sacchetta. Nach Jahren als Reiseverkehrskaufmann, in denen er die ganze Welt bereiste, ließ er sich hier nieder.

Valle Sacchetta ist seit jeher Synonym für den Fischfang, und Achille hat die ehrwürdige Tradition ins 21. Jahrhundert katapultiert. Unter seiner kundigen Aufsicht entstand aus einem Fischgeschäft ein moderner Onlineshop, in dem man fangfrischen Fisch aus der Lagune ordern kann. Keine 24 Stunden dauert es nach der Bestellung, bis seine Pakete in ganz Italien ausgeliefert werden.

Wenn man sich mit Menschen wie Michele und Achille unterhält, bekommt man den besten Einblick in das Leben auf den Laguneninseln. Deren einzigartige Landschaften scheinen besonders die etwas Nachdenklicheren von uns anzuziehen – diejenigen, die gerne auch mal für sich sind und den eigenen Gedanken in Ruhe lauschen wollen.

di Silvia Zanardi

Murano, Venezia 2017
Mazzorbo, Burano. Venezia 2017

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